Testfahrt mit
Dr. Berthold Franz

Leiter der Pierburg Business Units Automotive Emission Systems und Commercial Diesel Systems

Geländegängige elf Tonnen Leergewicht, die mit einer Spezialpanzerung versehen sind und zehn Personen umfassenden Schutz bieten. Das Ganze angetrieben von einem 6,9-Liter-Motor, der 1.250 Newtonmeter Drehmoment bietet, das allradgetriebene Fahrzeug zügig auf Touren bringt und erst bei einer Geschwindigkeit von 100 Stundenkilometern abregelt: Das sind die Kerndaten des Survivor-R, eines neuen geschützten Polizeifahrzeugs, das Dr. Berthold Franz auf dem Testgelände der Rheinmetall Landsysteme in Kassel auf Herz und Nieren testen konnte.

Franz verantwortet bei Pierburg zum einen den Geschäftsbereich Schadstoffreduzierung, aber auch den Bereich, in dem alle Komponenten für Nutzfahrzeuge zusammengefasst sind. Lkws sind für ihn kein Neuland. Im Vergleich zu einem großen Truck fallen ihm auf den ersten Metern im Survivor sofort die fehlenden Wankbewegungen der Kabine auf. „Die Karosserie entwickelt kein Eigenleben. Man hat eine direkte Rückmeldung vom Fahrzeug und auch die aus Gründen des Sprengschutzes innen aufgehängte zweite Kabine spürt man nicht. Man ist im Prinzip unterwegs wie in einem großen SUV“, so der frühere Chef der Thermodynamik-Entwicklung für schwere Nutzfahrzeugmotoren beim Truckhersteller DAF. Zu diesem Eindruck trägt auch das 12-stufige Automatikgetriebe bei und das lastwagenüblich große Lenkrad erleichtert zudem die Arbeit des Testfahrers. Für Franz ergibt das den Eindruck: „Der fährt sich wie ein Pkw“. Im Laufe seines Berufslebens hat der in Geldern am Niederrhein geborene promovierte Maschinenbauer schon sowohl die Pkw- als auch die Nutzfahrzeugseite der Automobilindustrie kennengelernt. Nach dem Studium mit Schwerpunkt Thermodynamik und der Promotion über die Rußbildung in Verbrennungsmotoren verantwortete er zunächst für drei Jahre die Applikation eines Zweiliter-Diesels beim Fahrzeughersteller Opel in Rüsselsheim. Danach folgten vier Jahre bei smart-BRABUS in Bottrop, wo er zuletzt die Verantwortung für die Gesamtentwicklung des smart-BRABUS Smart forfour innehatte. Nach einem kurzen ersten Zwischenstopp bei Pierburg als Leiter des Prüffeldes folgte 2007 eine neue Aufgabe bei DAF in Eindhoven.

Sprache lernen als Zeichen

Mit seinem Wohnsitz blieb Franz in dieser Zeit aber dem Niederrhein treu, zumal seine Frau am Institut für Maschinenbau der Uni Duisburg beschäftigt ist, wo sie sich auf Versuche an Kraftstoffen spezialisiert hat. Die Zeit des täglichen Pendelns zwischen der Region Moers und Eindhoven half ihm, wie er sagt, sich auf die jeweilige Sprache einzustellen, denn Franz kommunizierte mit den neuen Mitarbeitern in Holland schon nach wenigen Monaten in jeglicher Form nur noch auf Niederländisch. Aus seiner Sicht ein wichtiges Zeichen für die Mannschaft, war er doch bei diesem traditionell eng mit dem Standort Eindhoven verwobenen Truckhersteller der erste leitende Mitarbeiter in der Motorenentwicklung, der aus dem Nachbarland dazugeholt wurde. Bedingt durch die Verbindung zwischen DAF und Paccar kam als weitere Dienstsprache außerdem noch amerikanisches Englisch dazu. Für Privatleben oder Sport (Radfahren und Ausdauersport) blieb da nur noch wenig Zeit. Geschweige denn für sein Hobby, das Restaurieren und Fahren von alten 2-Zylinder-Motorrädern der Marken Ducati, BMW oder Laverda. Anfang 2015 kehrte er als Leiter des Geschäftsbereiches Commercial Diesel Systems zu Pierburg zurück. Für Franz, dem dabei die niedrige Fluktuation des Neusser Unternehmens wiederum positiv bewusst wurde, im Prinzip ein Coming-Home: „Die Konstanz in einem Unternehmen ist eine unheimliche Stärke und ich fühle mich am wohlsten in einem Umfeld, bei dem man die Kernpersonen persönlich kennt. Das geht bei Großkonzernen, wie ich sie teilweise aus früheren Funktionen kannte, nicht.“

Mit Leichtigkeit durchs Gelände

Bereits nach neun Monaten bei Pierburg kam für den heute 51-jährigen Niederrheiner mit der Leitung des Geschäftsbereiches Automotive Emission Systems ein weiteres umfassendes Aufgabenfeld dazu und damit einher die hohe Schlagzahl der Doppelbelastung. Der Begriff ‚Doppelbelastung‘ umschreibt derweil ziemlich genau den Verlauf der Verschränkungsbahn auf dem Rheinmetall Testgelände, durch die Franz den 15-Tonner gerade steuert. Langsam, aber ohne große Anstrengung nimmt der Einsatzwagen auch diese Hürde, ohne seinen doppelten Boden dabei zu verwinden. Dem auch für Wattiefen von 1,20 Metern ausgelegten und zusätzlich mit interner und externer Feuerlöscheinrichtung ausgestatteten Fahrzeug scheint keine Straßen- oder Geländelage zu schwer. Dabei hat Franz die größte fahrerische Herausforderung noch vor sich: Ein scheinbar unüberwindbarer betonierter Hügel mit 60 Prozent Steigung türmt sich direkt vor ihm auf.

Ich finde den Wagen grandios, wenn auch das Parken damit sicher eine Herausforderung ist

Aber durch den beherzten Kick-down seines Testpiloten geht der tonnenschwere Survivor auch über dieses Hindernis hinweg, als wäre er als Kletterfahrzeug für Steillagen entworfen worden. Fazit des Testfahrers: „Ich finde den Wagen grandios, wenn auch das Parken damit sicher eine Herausforderung ist. Besonders aber angesichts der diffusen Bedrohungen auch in unserem direkten Umfeld wird ein Fahrzeug mit dieser Technik aus meiner Sicht allgemein als etwas Beschützendes wahrgenommen. Das gilt natürlich auch für die Insassen während des Einsatzes. Wenn die Türe ins Schloss gefallen ist, ist in diesem gepanzerten Fahrzeug mit seinen zehn Zentimeter dicken Scheiben und seiner Schutzbelüftungsanlage die Außenwelt erst einmal weit weg.“