Testfahrt mit Tobias Kasperlik

Leiter der Division Aftermarket und Vorsitzender der Geschäftsführung der Motorservice International GmbH

Tobias Kasperlik ist skeptisch, als er sich in den E-Golf setzt. Zwar schaut der Leiter der Division Aftermarket von Rheinmetall Automotive auf eine durchaus vertraute Innenausstattung, aber nach dem Drücken des Startknopfes passiert abgesehen von sich verändernden Anzeigen im Armaturenbrett zunächst scheinbar gar nichts. Und dann bewegt er sich doch und rollt lautlos an.

Kasperlik fährt zum ersten Mal einen reinen Stromer und ist gespannt auf das Fahrzeug, aber auch darauf, ob der Markt für Elektrofahrzeuge sich durchsetzen wird, angesichts einer noch mit Lücken behafteten Infrastruktur. Aber schon nach den ersten Metern fällt ihm auf: „Die Beschleunigung ist schon ein Erlebnis.“ Der E-Golf gibt seine aktuelle Reichweite mit 252 Kilometern an. Bleibt abzuwarten, wie sich diese unter der dynamischen Fahrweise des aus Vechta stammenden Chefs der Ersatzteilsparte im noch frühjahrsfrischen Düsseldorf bei 0 °C Außentemperatur entwickeln wird. Düsseldorf ist ihm vertraut.

BEGEISTERUNG „FÜR ALLES, WAS ZWEI ODER VIER RÄDER HAT UND SCHNELL IST“

Hier hat er schon sein juristisches Referendariat absolviert. Bereits zu jener Zeit war für ihn klar, dass er sich nicht als Anwalt niederlassen würde. Hinzu kam eine seit seiner Jugend bestehende Begeisterung „für alles, was zwei oder vier Räder hat und schnell ist“. Sein erstes Auto war ein an sich für die Schrottpresse vorgesehener noch nicht ganz so schneller Kadett A, den er von einem Opel-Händler geschenkt bekam. Damals war er aber auch erst vierzehn Jahre alt. Zusammen mit einem Freund hat er den Wagen dann unter anderem nach einem kompletten Getriebeumbau und einigem Lehrgeld wieder flottbekommen. Darüber, ob der stolze „Jungmechaniker“ mit dem Wagen dann auch selbst gefahren ist, soll aber an dieser Stelle Stillschweigen bewahrt werden.

Jura in Münster

Die Leidenschaft für fahrbare Untersätze hielt an. Seine Bezüge als Jura-Student in Münster konnte er mit dem gelegentlichen Verkauf von klassischen Autos aufbessern. Kasperlik interessierte sich vornehmlich für rostfreie Automobile, die er in den trockenen westlichen Staaten der USA suchte. Diese Verbindung aus Reisetätigkeit und Hobby entpuppte sich für ihn aber auch als ein Benefit für seine weitere juristische Ausbildung, denn er gehörte zu den seinerzeit wenigen Juristen, die einen Teil ihres Referendariats in den Vereinigten Staaten absolvierten. 

Start in der Automobilindustrie

Auch nach dem 2. Staatsexamen erwies sich diese internationale Ausbildung für Kasperlik als hilfreich. Bei der Suche nach der ersten Stelle zog ihn seine Leidenschaft für Autos in die Fahrzeugindustrie und er wurde bei Mannesmann VDO fündig, wo ein Jurist mit internationaler Erfahrung für die Einkaufsabteilung gesucht wurde. An sich sollte er dort die Einkaufskollegen des Automobilzulieferers lediglich juristisch betreuen: „Ich habe mich damals sehr gewundert, wie wenig gerade bei großen und investitionslastigen Geschäften zwischen Kunden und Lieferanten vertragsfest dokumentiert wurde, aber es gab auch nur selten Streitfälle.“ Heute, so Kasperlik, ist die Bereitschaft zur juristischen Auseinandersetzung deutlich höher, schon allein aufgrund der enorm gestiegenen Streitsummen, wie sie zum Beispiel durch Rückrufe von fehlerbehafteten Produkten in großen Stückzahlen verursacht werden. Kasperlik schaut derweil fast instinktiv immer wieder auf die Reichweitenanzeige des Golf. Er ist mit dem Wagen jetzt rund fünfzehn Minuten unterwegs und die Batterien verheißen noch 228 mögliche Kilometer. Nach seinem Berufseinstieg, fährt er fort, kam er aber viel schneller als gedacht mit dem operativen Geschäft in Berührung. Für den heute 57-jährigen Ehemann und Vater zweier Töchter eine ideale Kombination aus technischer, kaufmännischer und juristischer Arbeit, wenn er auch feststellen musste, dass er bei seinen Aufgaben gar nicht so viel mit dem Auto selbst zu tun bekam, wie er das ursprünglich erwartet hatte. 

Alt und schnell

Dabei schafft aber nach wie vor sein Hobby Abhilfe, das Sammeln und Restaurieren von Fahrzeugen, die ihn von ihrer Form her ansprechen und – natürlich – über eine gut proportionierte Motorisierung verfügen. Seine derzeitigen Favoriten sind ein Jaguar E-Type Coupé von 1962 und ein sehr seltener Intermecchanica Italia von 1969, von dessen Typ nur rund dreihundert Stück produziert wurden.

Demokratischer Arbeitgeber

2001 wechselte er in den Einkauf von Pierburg und empfand das Klima bei seinem neuen Arbeitgeber als sehr demokratisch: „Es herrschte die Offenheit, sich auch mit Vorgesetzten sachbezogen auseinandersetzen und darüber auch neue Dinge anstoßen zu können. Ich glaube, viele wissen diese positive Unternehmenskultur nicht genügend zu schätzen.“ Nachdem Kasperlik schließlich den gesamten Einkauf von Pierburg und später zusätzlich auch die Business Unit Aktuatoren verantwortete, übernahm er 2008 nach dem Spin-off des Pumpengeschäftes die weltweite Einkaufs- und Vertriebsleitung für diesen Bereich, den er von 2014 bis zu seinem Wechsel in die Division Aftermarket schließlich komplett verantwortete. Und was ist der Unterschied zu seiner Anfang 2016 übernommenen jetzigen Aufgabe als Chef der Division Aftermarket? Für ihn sicher auch ein Wechsel in der Mentalität, aber vor allem ein völlig verändertes Geschäftsmodell: „Der für mich entscheidende Unterschied ist, dass man hier nicht den Kundendruck wie im OE-Bereich hat. Wir sind in unserer Division mehr aufgefordert eigenverantwortlich unsere vielfältigen Produkte zu vermarkten und müssen uns weltweit entsprechend organisieren, was nicht immer einfach ist. Unser wirtschaftlicher Erfolg hängt allein von uns und nicht vom Markterfolg des einzelnen Fahrzeuges oder Motors ab.“  

Beeindruckende Beschleunigung

Derweil hat Kasperlik die in ihrer Karnevalslaune erwachende Düsseldorfer Altstadt durchquert und steuert nach einem Stopp im Medienhafen zurück auf die andere Rheinseite. Sein Fazit zum Test ist typisch norddeutsch knapp und präzise: „Besser als erwartet“, resumiert der Fan klassischer Porsche. „Der Golf ist ungewohnt leise, sein Handling ist genauso gut wie bei seinen Familienmitgliedern und die Beschleunigung ist beeindruckend.“ Wenn jetzt noch die Rahmenbedingungen wie die Ladezeit stimmten … Apropos Ladung: Nach 27 Kilometern mit gemäßigtem Gasfuß im Stadtverkehr, unter Winterbedingungen und ohne frierende Insassen weist unser über einen guten Kofferraum verfügender E-Golf immer noch eine Reichweite von 171 Kilometern aus.