Testfahrt mit Rene Gansauge

Leiter der Division Mechatronics und Vorsitzender der Geschäftsführungen von Pierburg und Pierburg Pump Technology

Feuerrot steht er vor der Zentrale in Neuss und auch Rene Gansauge ist schon nach den ersten Metern Richtung Neusser Innenstadt Feuer und Flamme. Besonders das Geräusch, mit dem der Wagen kundtut, dass ihn acht Zylinder antreiben, hat es ihm angetan: „Cool, schöner Sound, oder?“ Sagt’s und gibt dem Mustang kurz die Sporen, um gleich mal ein bisschen in die erste Kurve hineinzudriften.

Sich selbst im Rückspiegel beobachtend, philosophiert er dabei über das Gefühl, das ihn in diesem Moment überkommt: „Wenn man in so einem Auto sitzt, hat man die ganze Zeit ein Grinsen im Gesicht.“ Dem Beifahrer wird schnell klar: Das ist nicht der erste Mustang, den er bewegt. „Auto ist mit Sound verbunden“, meint Gansauge und das gilt besonders für einen Wagen wie den Ford Mustang. Mit seinen fünf Litern Hubraum und 450 PS unter der Haube ist der Motor für deutsche Verhältnisse zwar schon sehr voluminös; in Amerika gibt es aber durchaus noch größere Varianten. Schon sein aus den USA mitgebrachtes Mustang Cabrio von 1965 im klassischen Ivory Green schöpft seine Kraft aus 4,6 Litern Hubraum. Auch wenn E-Mobilität eine immer wichtigere Rolle bei Rheinmetall Automotive spielt, ist für Gansauge klar, dass konventionelle Antriebskonzepte ebenfalls parallel weiterentwickelt und optimiert werden müssen. Dadurch lasst sich erklären, dass es den Ford Mustang inzwischen sogar mit einem Vier-Zylinder-Motor gibt, der allerdings mit 317 PS auch nicht gerade schwach motorisiert ist. 

Treffpunkt für Autofans

In Amerika war der Woodward Dream Cruise eines seiner bevorzugten Freizeitvergnügen. Bei diesem Event geben sich über 100.000 Autofans mit meist außergewöhnlichen Gefährten ein Stelldichein in der Region Detroit – ein jährliches Treffen aller erdenklichen Fahrzeugsparten vom Oldtimer bis zur Neuschöpfung. Das war, wie Gansauge sagt, „meine Veranstaltung“, die er gern und ausgiebig besucht hat, um möglichst viele Wagen sehen zu können. Natürlich schraubt er von Zeit zu Zeit auch selbst und hat so kürzlich erst die Kraftstoffpumpe an seinem Mustang gewechselt. Gansauge ist in Moers geboren und wuchs seit seinem 11. Lebensjahr im Sauerland südlich von Hagen auf. Dort hat er seine berufliche Laufbahn mit einer Werkzeugmacherlehre begonnen. Es folgte der einjährige Grundwehrdienst, der ihn mit der Marine sogar bis zu den Bermudas brachte. Zurück in Zivilleben und Beruf fing er mit Mitte 20 noch einmal an, die Schulbank zu drücken, weil er sich für seine Zukunft einfach noch mehr vorstellen konnte. Abends und am Wochenende immer noch im erlernten Beruf jobbend, finanzierte er so sein Abitur und das anschließende Studium als Wirtschaftsingenieur.

Weltweit für Pierburg im Einsatz

Seine erste Berührung mit Pierburg erfolgte 2004 in Fountain Inn durch ein studienbegleitendes Praktikum. Ein Jahr später, nach einer Zeit als Werkstudent in der Zentrale in Neuss und seiner am brasilianischen Standort Nova Odessa geschriebenen Diplomarbeit, kehrte er als Controller für drei Jahre in das Pierburg-Werk in South Carolina zurück. Dort lernte er auch seine heutige Frau kennen, die im Finanzbereich der Schwestergesellschaft KS Gleitlager beschäftigt war. Es folgten knapp drei Jahre als Abteilungsleiter im Controlling der Neusser Zentrale, bis ihm 2010 das Angebot gemacht wurde, die Führung der neuen indischen Konzerngesellschaft in Pune zu übernehmen. Zusammen mit seiner Familie fühlte er sich in Indien sehr wohl. Es war für ihn kein Problem, mit indischen Sitten und Gebrauchen umzugehen, auch wenn für ihn bestimmte scheinbar typisch deutsche Tugenden wie Ordnung und Sauberkeit besonders in der Firma wichtig blieben: „Ich habe immer gesagt, wir können als Firma so indisch werden wie möglich, aber wir müssen auch so deutsch sein wie nötig.“ Die Fahrt im brandneuen 2018er Mustang geht derweil vorbei am Neusser Pierburg- Werk auf der Hafenmole hin zur Rennbahn, auf der gerade einige Galopper für das nächste Rennen trainiert werden. Der Pierburg-Chef erzählt unterdessen weiter. 2013 führte ihn sein Weg mit der ganzen Familie – Gansauge hat einen heute neunjährigen Sohn – zurück in die USA als Chef der nordamerikanischen Mechatronics-Sparte. 

Anfang 2018 kam er schließlich zurück in die Zentrale nach Deutschland, jetzt als Chef aller weltweiten Mechatronics-Aktivitäten. Damit wurde er der Chef seiner früheren Kollegen, was verständlicherweise eine besondere Herausforderung für ihn war. „Ich will meine Art von Kommunikation, Offenheit und Kollegialität auch in der neuen Rolle weiterhin leben“, so Gansauge. An Pierburg, so sagt er, habe ihm immer schon gefallen, dass das Unternehmen trotz seiner Größe noch ein mittelständisches und familiäres Flair vermittele: „Man kennt viele Menschen, man kennt sich untereinander. Man bekommt ganz viele Dinge unproblematisch und unkompliziert gelost. Und das ist einer der großen Pluspunkte von Pierburg und entspricht auch voll den Werten der Rheinmetall Group.“

Verfechter der Leadership Principles

Das zurückliegende Pendeln zwischen den Welten hat Gansauge geprägt. Das Eingehen auf verschiedene Kulturen und die Bedürfnisse der Menschen dort und letztlich auch die ganz unterschiedlichen Formen von Führung sind Teil seiner Persönlichkeit geworden. Kein Wunder, dass er ein glühender Verfechter der neuen Leadership Principles von Pierburg geworden ist. Aus seiner Sicht ist es in Zukunft wichtig, zu wissen, wie man die unterschiedlichsten Kulturen, Standorte und Kunden integrieren kann, ohne die eigene Herkunft infrage zu stellen. „Wir wollen Guidelines vorgeben, wie wir als Unternehmen funktionieren wollen. Diese Führungsprinzipien sind weltweit gleich und sollen auch die Kultur des Hauses prägen.“ Dabei wird klar: Prozesse allein machen für ihn nicht den großen Unterschied. Gansauge bringt es auf den Punkt: „Am Ende steht nur die Frage: Was für Menschen haben wir an Bord und wie arbeiten sie möglichst effizient und innovativ zusammen? Effizienz und Innovation gelingen am besten, wenn man versucht, die unterschiedlichen Kulturkreise zusammenzubringen und zu integrieren.“ Deshalb sieht der neue Pierburg-Chef momentan die Kunst auch darin, angesichts des aktuellen Wachstums und der daraus resultierenden notwendigen neuen Prozesse das typisch Mittelständische und Familiare sowie den Zusammenhalt im Unternehmen nicht zu verlieren. Zusammenhalt ist das Stichwort. An der Pierburg-Zentrale angekommen, trennt sich Gansauge sichtlich schwer von dem roten Renner: „Was ist das für ein schönes Auto!“