Testfahrt mit ­Lothar Schneider

President KSPG (China) Investment Ltd.

Gleich aus zwei Gründen eine ungewöhnliche Testfahrt, denn sie findet nicht auf Asphalt, sondern auf dem von Panzerspuren stark zerfurchten, unwegsamen Waldboden des 50 Quadratkilometer großen Rheinmetall-Versuchsgeländes in der Lüneburger Heide statt. Ein Durchkommen mit einem normalen Pkw wäre hier selbst in den einfachen Passagen undenkbar. Deswegen ist der „Testwagen“ ein ganz besonderer.

Für Lothar Schneider ist es ein zwar nicht grundsätzlich neues, aber auch nicht mehr alltägliches Terrain. Der Chef der China-Aktivitäten von Rheinmetall Automotive besitzt seit seiner Bundeswehrzeit einen Lkw-Führerschein, den er damals als Fahrer einer Versorgungseinheit auf den alten Bundeswehr-MANs ausgiebig einsetzen konnte. Mittlerweile gehört für ihn aber viel mehr der ganz normale „Straßenkampf“ auf den Highways der südchinesischen Metropole in hybridgetriebenen Limousinen zur alltäglichen Routine. Sein Testfahrzeug ist ein respekteinflößender Riesentraktor, der von Rheinmetall Waffe und Munition in einem Gemeinschaftsprojekt mit dem Landtechnikspezialisten Rebo Landmaschinen mit einer gepanzerten Kabine versehen wurde. Warum diese aufwendige Panzerung, wo doch Wölfe allein durch das Motorengeräusch schon aus der Ferne das Weite suchen und selbst ausgewachsene Keiler sich bereits an der Zivilversion des Treckers die Hauer ausreißen dürften? Wesentliche Einsatzgebiete des ReboRacks sind beispielsweise Truppenübungsplätze mit möglichen Blindgängern, Rekultivierungsareale in ehemaligen Kriegsgebieten oder etwa Küstenabschnitte, an denen vor Jahrzehnten versenkte Munition angespült werden könnte. 

Ein echtes Schwergewicht

Der Schutz des Fahrers steht an erster Stelle. Das zeigt bereits die 170 Kilogramm schwere Fahrertür sehr eindrucksvoll. Sie lässt sich lediglich per Knopfdruck elektrisch bedienen. Kein Wunder, denn die sechs Zentimeter dicken Panzerglasscheiben verfügen über ein Gewicht von 135 Kilogramm pro Quadratmeter. Sie sind damit fast doppelt so schwer wie der verwendete Panzerstahl. Beides trägt in der Kombination dazu bei, dass die auf einem John-Deere-Modell basierende Zugmaschine insgesamt 1.000 Kilogramm mehr als die Serienversion auf die Waage bringt.

Lothar Schneider klettert die fünf Leiterstufen zur Fahrerkabine hinauf und freut sich über die gute Rundumsicht. Abgesehen von ihrem geraden Schnitt und dem hohen Sicherheitsambiente, das sie vermittelt, ist sie im Innern mit dem gleichen Komfort ausgestattet wie alle Serienzugmaschinen. Auf der Straße ist der ReboRack wie seine zivilen Brüder bis zu einer Geschwindigkeit von 50 km/h zugelassen und bietet zwei Personen großzügig Platz. Ist die Tür einmal geschlossen und verankert, kommt das Gefühl einer „Splendid isolation“ auf, die sonst eher einer englischen Nobelmarke nachgesagt wird. Aber mit seinem Aufpreis von mehr als 110.000 EUR bewegt sich der geschützte Traktor ja durchaus auf dem Preisniveau eines Rolls-Royce. In jedem Fall verfügt das Fahrzeug über die gleiche Schutzklasse wie eine gepanzerte Luxuslimousine. 

Ganz souverän schon auf den ersten Metern und durchaus in Kenntnis der gebotenen fahrtechnischen Möglichkeiten lässt Schneider die Maschine anrollen. Der Sammler einer stattlichen Zahl von Oldtimern verhehlt dabei nicht, wie viel Vergnügen es ihm bereitet, einmal solch ein Gefährt zu bewegen: „Macht einfach Spaß, damit zu fahren und die Verschränkung der Achsen in schwerem Gelände ist einfach unglaublich. Aber man muss auch Respekt vor der Technik haben.“ Trotz der noch morgendlich frischen Temperaturen bildet sich derweil kein Kondenswasser an den Panzerglasscheiben, denn sie werden durch innen liegende Drähte großflächig beheizt.

Globetrotter und China-Experte 

Schneider ist gebürtiger Bonner (Jahrgang 1957) und studierte Maschinenbau an der RWTH in Aachen. Seine Vertiefungsrichtung nach dem Vordiplom war – wen wundert es – die Kraftfahrzeugtechnik. Dabei war nicht allein die Militärzeit auslösend für seine Berufswahl. Schon als Schüler hatte er defekte Mofas repariert und dann weiterverkauft, hatte also bereits in seiner Jugend auch schon ein kaufmännisches Gen entwickelt. Nach der Universität folgte eine Traineeausbildung bei der Allianz. Danach war er fast acht Jahre für das Unternehmen DuPont und ebenso viele Jahre für Dynamit Nobel bereits sehr viel im Ausland unterwegs und ansässig.

Er verhehlt nicht, wieviel vergnügen es ihm bereitet, einmal solch ein gefährt zu bewegen

Seine Verbindung zu Shanghai kam erst mit dem Eintritt bei Rheinmetall Automotive Anfang 2001. Dort wurde ein Manager für das in Gründung befindliche zweite Joint Venture mit einer SAIC-Tochter, der heutigen HUAYU Automotive Systems, gesucht. Die Verantwortung für Kolbenschmidt Pierburg Shanghai Nonferrous Components, heute HASCO KSPG Nonferrous Components (Shanghai) Co., Ltd., brachte ihn 2013 durch den Gussbereich in Neckarsulm teilweise auch wieder zurück nach Deutschland. Schneider ist mit einer Chinesin verheiratet. Seine Frau hat unter anderem an der renommierten Tongji-Universität sowie in Berlin und Erlangen Ingenieurwissenschaften studiert und vor vielen Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Seit 2016 ist Schneider zuständig für sämtliche Aktivitäten von Rheinmetall Automotive in China und verantwortet zusätzlich das weltweite Casting-Geschäft der Gruppe. Er befindet sich aktuell auf einer seiner vielen jährlichen Dienstreisen nach Deutschland. Im Laufe der Jahre ist die starke Reisetätigkeit für ihn fast zur Normalität geworden: „So etwas wie Jetlag habe ich nicht mehr!“ 

Und wie fällt für ihn der Vergleich zwischen Deutschland und China aus? „Ich lebe sehr gern in China. Klar, es ist nicht mehr ganz so das Abenteuer, das es vor 20 Jahren war. Eine Stadt wie Shanghai bietet heute das, was wahrscheinlich New York und andere Weltstädte bieten, aber es gibt auch nach wie vor viele Herausforderungen in China.“ Rückblickend stellt er fest, dass sich die chinesische Mentalität verändert hat. „Chinesen haben heute ein größeres Selbstbewusstsein als noch vor Jahren. Sie haben viel geleistet; von daher ist das durchaus berechtigt.“ Und er gibt gleich ein Beispiel aus der Automobilindustrie: „Auch für rein chinesische Automobilmarken sind Spaltmaße heute kein Thema mehr; das ist alles tipptopp. Sie haben Respekt verdient und meinen Respekt haben sie auch. Ich habe selten eine Nation gesehen, die so fleißig ist, so entschlossen, das Ziel zu erreichen, etwas zu bewegen. Das gilt nicht nur für die oberen Führungskräfte, sondern reicht bis zum Mann auf der Straße. Der Einsatz ist einfach gut!“ 

Seit 2016 ist Schneider zuständig für alle aktivitäten von rheinmetall automotive in china

Sagt’s und drückt weiter das Gaspedal nach unten, immer mit Blick auf die Verbrauchsanzeige. Die liegt jetzt bei 6,8 Litern pro Stunde  – ein Wert, der angesichts der geballten Leistung des Traktors überrascht- Schneider zieht das Fazit seiner Testfahrt nach rund zwei Stunden „auf dem Bock“ mit dem ihm eigenen Humor: „Schade, dass er als Dienstwagen nicht geeignet ist, denn er hat nur eine Tür.“