Testfahrt mit Horst Binnig

Vorsitzender des Vorstandes von Rheinmetall Automotive

Zwei Elektromotoren mit 422 PS und 660 Nm Drehmoment treiben das Tesla Model S90D über alle vier Räder an. Die Batterie leistet 90 kWh und bietet bei normaler Fahrt ausreichend Strom für 500 Kilometer Reichweite. Ihre 7.206 Akkuzellen erhöhen dabei das Fahrzeuggewicht um 650 Kilogramm, so dass der Wagen 2,6 Tonnen auf die Waage bringt.

Schon am ersten Ampelstart beim Verlassen des Werksgeländes in Neckarsulm wird klar: Das ist kein normales Auto. Horst Binnig drückt nur mal eben kurz aufs Gas und schon schießt der Tesla praktisch lautlos voran, als wolle er gar nicht lange über die Gesetze von Zeit und Raum nachdenken, sondern vor allem eines: vorankommen. Fahrspaß pur, und das, obwohl dabei 2,6 Tonnen bewegt werden müssen. Aber die beiden Elektromotoren mit 422 PS und 660 Nm Drehmoment haben relativ leichtes Spiel. Freie Bahn vorausgesetzt, beschleunigen sie den Tesla in 4,4 Sekunden auf 100 km/h und stoppen ihren Vorwärtsdrang erst bei 250 km/h Höchstgeschwindigkeit. „Dank der nur einstufigen Automatik tun sie dies“, so der Rheinmetall Automotive Chef, „ohne einen einzigen Gangwechsel und vollkommen kontinuierlich. Ein Gefühl wie beim Start eines Flugzeuges.“ 

Aber die beeindruckenden Fahrleistungen des Elektroautos sind nur eine Seite der Medaille. Auch im Inneren spürt man, dass es sich bei dem amerikanischen Superspurtler um ein etwas anderes Fahrzeug handelt. Inmitten der Konsole prangt ein riesiger Bildschirm, über den die komplette Bedienung erfolgt. Lediglich zwei kleine Tasten für die Warnblinkanlage und das Öffnen des Handschuhfachs sind noch von der bei anderen Marken überbordenden Schalterbatterie übriggeblieben.

„Hells Bells“ dreht Horst Binnig schon mal etwas stärker auf, wenn er allein ist

Dennoch ist alles da, was man kennt und braucht, und mehr noch: Von einer Navigation, die die verbleibende Restenergie am Ziel schon vor Beginn der Fahrt angibt und die Strecke per Satellitenbild visualisiert, bis zum Internetzugang samt Spotify-Oberfläche. Und natürlich klingen die Titel der persönlichen Mediathek vom iPhone aus den Lautsprechern der Musikanlage, die der 58-jährige Vorstandsvorsitzende zum Beispiel bei „Hells Bells“ von AC/DC auch schon mal etwas stärker aufdreht, wenn er allein ist. 

Intuitive Bedienung

Für Binnig, der sich ohne großes Nachdenken durch die Bedienungsmenüs des Touchscreens bewegt, ist das Ganze einfach zu steuern und selbsterklärend wie ein neues Handy: „Der Wagen ist im Prinzip ein fahrendes iPad.“ Das gilt auch für das Thema Updates, die sich der Stromer nachts eigenständig aus dem Netz zieht, um seinen Fahrer am nächsten Morgen dezent darüber zu informieren, welche Verbesserungen seiner Fahrleistungen oder seiner Bedienung er über Nacht an Bord geholt hat. 

Autonom fahren kann der Tesla auch schon zu einem nicht unerheblichen Teil. Auf bestimmten Straßen überlässt Binnig den Wagen nach kurzem Druck auf den Bedienhebel einfach sich selbst. Er scannt dabei mit vielen Kameras seine Umgebung rundherum ab, hält so die Spur und lässt auch einscherende Fahrzeuge vorausschauend und gentlemanlike in die Schlange vor sich hinein, ohne dabei gleich voll in die Bremsen zu gehen, wie das manche Kollegen tun.

E-Autos als Teil des „Smart Grid“

Die Fahrt geht am Audi-Werksgelände entlang und weiter über die Landstraße nach Amorbach. Die Stadt zählt zu den Pionieren der Gewinnung und Speicherung von Sonnenenergie und hat dafür in der Vergangenheit bereits mehrfach Preise erhalten. Sonnenkollektoren sind damit etwas ganz Alltägliches im Stadtbild von Amorbach. Ob auf dem Lärmschutzwall an der Landstraße nach Neuenstadt am Kocher, auf vielen öffentlichen und privaten Gebäuden oder schlicht über einem Parkplatz: Die Nutzung von Sonnenenergie zur Wärmegewinnung findet hier fast überall statt. 

Die stark eingreifende Verzögerung beim Rekuperieren schont auch die Bremsen

Natürlich sind Formen der erneuerbaren Energiegewinnung gerade für ein Elektrofahrzeug optimal, denn erst so kommt der Effekt der neuen Technik richtig der Umwelt zugute. Für Binnig zählt dazu aber nicht allein das Fehlen von Rückständen aus der Verbrennung fossiler Kraftstoffe. „Die zukünftige Möglichkeit, die Batterien in Autos in sogenannten Smart Grids zu speichern und wieder in die Netze zu geben, ist der Schlüssel zur höheren Nutzung natürlicher und regenerierbarer Energien.“ Auch im Tesla kann der Effekt genutzt werden. Beispielsweise anstatt das Bremspedal zu drücken, kann man einfach die stark eingreifende Verzögerung beim Rekuperieren nutzen und die dadurch zurückgewonnene Energie zum Laden verwenden. Zusätzlich werden durch das Ausbleiben von Abrieb am Bremssystem (Feinstaub) positive Umwelteffekte erzielt. 

Lautloser Fahrspaß 

Zurück in Neckarsulm am Standort von Rheinmetall Automotive zeigt sich denn auch die Batterie des Tesla kaum beeindruckt von der kurzen Ausfahrt. Sie reicht noch absolut für viele Kilometer kraftstofffreien Fahrens. Ein beeindruckender Ausflug in die automobile Zukunft, die heute schon Wirklichkeit ist und mit weiteren Modellen des Elektrofahrzeuges von Elon Musk sicher weiter viele Anhänger gewinnen wird. 

Fazit für Horst Binnig nach mittlerweile einigen hundert Kilometern im faszinierenden Elektrostromer: „Ich glaube, die Vorzüge eines solchen Autos zeigen sich nicht so sehr auf der Langstrecke, trotz einer theoretischen Reichweite von ca. 440 Kilometern. Fährt man wesentlich schneller als 130 km/h (Deutschland ist einer der wenigen Orte in der Welt, wo man das noch darf) schrumpft die Reichweite schnell zusammen, wie bei einem Verbrennungsmotor im Übrigen auch. Das nahezu geräuschlose ‚Dahingleiten‘ ist bei höherer Geschwindigkeit kein Argument mehr, denn bei 150 km/h auf der Autobahn gibt es nahezu keinen Unterschied zu einem Verbrenner, weil da sowieso nur die Abroll- und Windgeräusche wahrgenommen werden. In der Stadt oder dynamisch gefahren auf der Landstraße zeigt sich aber das Besondere an diesen Autos. Sie sind absolut leise und bieten enorm viel Fahrspaß, auch wenn man das hohe Gewicht des Wagens bei seiner Fahrweise immer einkalkulieren muss.“ 

Für den Chef von Rheinmetall Automotive ein klares Bekenntnis zur Pluralität der aktuellen Antriebsformen, bei der aber auch für den Verbrenner in Zukunft durchaus noch genügend Spielraum vorhanden sein wird: „Obwohl wir noch keine Produkte im Tesla haben, bietet uns diese zusätzliche Mobilitätsform durch den Bedarf an komplexen thermischen Systemen für Batterie und E-Maschine enormes zukünftiges Geschäftspotenzial. Wir müssen es nur schnell ergreifen.“