Kampf gegen das Unsichtbare

Aufwendiges Verfahren zur Rettung literarischer Schriften

Man sieht sie nicht, man riecht oder fühlt sie nicht – und dennoch sind sie häufig dort, wo altes Papier im Spiel ist: saure Bestandteile als Folge der industriellen Papierherstellung, die bereits nach Jahren zu einer Verbräunung führen und das Papier sogar regelrecht zersetzen können.

Das Deutsche Literaturarchiv Marbach (DLA), das in seinen Sammlungen eine Fülle bedeutender Quellen der Literatur seit der Aufklärung bewahrt, setzt im Kampf gegen diese schädlichen Substanzen auf ein technisch aufwendiges Spezialverfahren. Das Grundproblem kennen viele aus dem heimischen Bücherschrank. Das Papier eines liebgewonnenen alten Buchs oder gar das geerbte Tagebuch der Urgroßmutter wird nach und nach immer dunkler und unansehnlicher. „Schuld daran“, weiß Melanie Kubitza, Mitarbeiterin im Bereich Bestandserhaltung des DLA, „sind im Papier vorhandene Säuren, die bei der industriellen Herstellung des Materials seit Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden sind.“ Sie bewirken nach vielen Jahren die Verbräunung und womöglich sogar den Zerfall des Papiers und all der Informationen, die darauf gedruckt oder geschrieben wurden.

Erhalt wertvoller Originale

Für die studierte Spezialistin der Fachrichtung Restaurierung und Konservierung von Schriftgut, Grafik und Buchmalerei ein selbst im Zeitalter der Digitalisierung äußerst unerfreulicher Prozess, zumal die Zersetzung in Marbach literaturhistorisch bedeutende Dokumente betrifft. Das Erlebnis, einen von Heine geschriebenen Brief an seinen Verleger im Original vor sich zu haben, können digitale Erfassung oder bloße Abschriften nun einmal nicht ersetzen.

Verfahren optimiert

Um das gesammelte literarische Erbe auch physisch zu bewahren, setzt das DLA auf das Papersave-Verfahren zur Papierentsäuerung der schweizerischen Nitrochemie Wimmis AG. Die Rheinmetall-Tochter begann die Papierentsäuerung zunächst nach dem sogenannten Battelle-Verfahren mit zwei Bearbeitungskammern in der Schweiz.

ACHT CHARGEN MIT JEWEILS RUND 1.300 BÄNDEN WERDEN PRO JAHR ENTSÄUERT

Sehr schnell hat die Nitrochemie dieses Verfahren aber nachhaltig optimiert, denn viele Nebenwirkungen der Ur-Battelle-Methode, wie Magnesiumablagerungen, ausgelaufene Stempelfarben oder Tinten beeinträchtigten das Ergebnis der Entsäuerung. 2015 hat das Unternehmen die weltweit größte Anlage zur Papierentsäuerung in Aschau am Inn errichtet und verfügt jetzt über drei zusätzliche Bearbeitungskammern. Bisher wurden insgesamt mehr als 1.800 Tonnen Bücher und Archivalien entsäuert. Seit dem vergangenen Jahr erfolgt auch die Behandlung der Werke aus Marbach am Standort Aschau. Die dazu notwendigen Spezialchemikalien, unter anderem auf der Basis von Magnesium, stammen ebenfalls aus der dortigen Produktion.

Durch Spenden finanziert

Für das DLA ist das Thema Entsäuerung kein Neuland. Bereits in den 1990er-Jahren wurden die am Markt befindlichen Methoden umfassend geprüft und getestet, bis man sich für das auf nichtwässriger Basis beruhende Verfahren von Papersave entschied. Seit 2014 organisiert Melanie Kubitza im DLA die Entsäuerung gefährdeter Bestände. Pro Jahr werden über 10.000 Bücher und Schriftstücke entsäuert. Finanziert wird das Projekt hauptsächlich durch Spenden. Kubitza geht bei der Konservierungsaktion sehr systematisch vor: „Jedes Buch und jede Archivalie wird einzeln begutachtet, um zu prüfen, ob sie für die Entsäuerung geeignet ist, denn beispielsweise historische Ledereinbände oder Pergamente würden verspröden und werden deshalb aussortiert.“

Außerdem können bestimmte Schreibmedien oder Druckfarben ausbluten und hinterlassen dann unerwünschte Spuren. Zusätzliche Hinweise auf den Säuregehalt des Grundmaterials können mithilfe eines pH-Stifts gewonnen werden. Anschließend wird jedes einzelne Schriftstück oder Buch durch einen mit einem Strichcode versehenen Ausdruck erfasst. Erst dann kann es – nach dem Transport nach Aschau am Inn – in speziellen Gitterboxen den Entsäuerungsprozess durchlaufen. Ein weiterer Vorteil: Die Entsäuerung nach DIN-Vorgaben ermöglicht es, einen alkalischen Puffer in das Material einzubringen, der das Papier auch in Zukunft vor einem weiteren Säureangriff schützt. Große Sorgfalt wird auch nach der Behandlung an den Tag gelegt. Dazu Kubitza: „Nach der Rückkehr wird jedes entsäuerte Bibliotheks- oder Archivgut einzeln auf mögliche Beschädigungen geprüft. Dabei zeigt sich, wie wichtig eine gewissenhafte Vorselektion ist, denn die Quote der Nebenwirkungen liegt bei uns unter fünf Prozent, was ein sehr guter Wert ist.“ 

250 Jahre Literaturgeschichte

In Marbach, wo alles mit dem Erwerb von Stücken aus dem Nachlass von Friedrich Schiller begann, bewahrt das DLA als eine der bedeutendsten Literaturinstitutionen weltweit eine Fülle kostbarster Quellen der Literatur- und Geistesgeschichte von 1750 bis zur Gegenwart. Zu den rund 1.400 Nachlässen von Autoren wie Hermann Hesse und Franz Kafka kommen mehrere umfangreiche Verlagsarchive, unter anderem das Cotta-Archiv und das Siegfried-Unseld-Archiv (Suhrkamp). Handschriften, Bücher, Bilder und Gegenstände des DLA sind im Schiller-Nationalmuseum und im Literaturmuseum der Moderne zu sehen, die ebenfalls zum DLA gehören.  

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