Im Norden läuft's elektrisch

E-Mobilität – Norwegen als Vorreiter

In Deutschland wartet die Elektromobilität noch immer auf den Durchbruch – und das obwohl es seit dem vergangenen Jahr direkte staatliche Förderung beim Kauf eines E-Autos gibt. Andere Länder – insbesondere Norwegen – sind da schon deutlich weiter. Heartbeat geht den Gründen auf die Spur.

Nach langer Diskussion wird seit Mitte 2016 die Elektromobilität in Deutschland direkt vom Staat finanziell gefördert. Die Hoffnungen waren groß, die Bilanz ist (noch) ernüchternd: Nur 9.000 Anträge auf Zuschüsse beim Kauf eines neuen E-Autos gingen bis Ende 2016 beim zuständigen Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) ein.

2016 lag der Anteil von Elektroautos bei den Pkw-Neuzulassungen bei 0,7 Prozent

Damit sind die Zulassungszahlen dieser Fahrzeuge in Deutschland überhaupt nicht gestiegen: 2016 lag der Anteil von Elektroautos bei den Pkw-Neuzulassungen bei 0,7 Prozent – das entspricht exakt dem Wert von 2015. Und das obwohl Käufer bei vollelektrischen Fahrzeugen (EV, Electric Vehicles) insgesamt 4.000 Euro und für Plug-in-Hybride (PHEV, Plug-in Hybrid Electric Vehicles) 3.000 Euro an Förderungen erhalten – jeweils zu 50 Prozent vom Staat und von den Herstellern finanziert. Die wesentlichen Voraussetzungen: Das Auto darf in der Basisversion nicht mehr als 60.000 Euro kosten und es muss sich um eine Neuzulassung handeln.

Vorzeigeland in Sachen E-Mobilität

Ganz anders sieht es da in Norwegen aus. Das skandinavische Land ist Vorreiter im internationalen Vergleich, wenn es um nachhaltige Individualmobilität geht. Mehr als ein Viertel aller erstmals zugelassenen Pkw sind inzwischen vollelektrisch betrieben oder Plug-in-Hybride; die kumulierten Zahlen für 2016 ergeben einen Marktanteil von satten 29,1 Prozent. Das ist erstaunlich – denn diese Entwicklung hat sich in nur wenigen Jahren vollzogen. 2011 lag der Anteil an elektrischen Neufahrzeugen bei bescheidenen 1,3 Prozent. 2017 wird der Anteil von EV und PHEV am norwegischen Pkw-Gesamtbestand erstmals mehr als fünf Prozent erreichen. Zum Vergleich: In Deutschland sind es weniger als 0,1 Prozent. Was sind nun die Gründe für diesen eklatanten Unterschied zum deutschen Markt? Fehlende Modellvielfalt ist heute sicher kein Argument mehr – weder in Deutschland noch in Norwegen. Alleine in Deutschland sind 100 verschiedene E-Autos vom BAFA als förderungsfähig gelistet. Die Zeiten, in denen Kunden einfach kein passendes EV oder PHEV finden konnten, sind vorbei. Das bestätigt eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung McKinsey zum Thema E-Mobility: Nur 13 Prozent der Teilnehmer in den USA und Deutschland meinten, dass sie an E-Autos deswegen kein Interesse haben, weil ihr bevorzugtes Modell nicht als elektrische Variante verfügbar sei.  

Reichweitenangst nimmt ab

Oft wird die viel zitierte „Reichweitenangst“ als Hemmnis zum Kauf eines rein elektrisch betriebenen Pkw genannt. Zugegeben: Ein Elektroauto kann trotz Fortschritten in der Ausdauer auch heute im Schnitt deutlich weniger Kilometer am Stück zurücklegen als ein Diesel oder Benziner. Doch inzwischen gibt es Lösungen. Reichweitenexpander – wie beispielsweise der REx von Rheinmetall Automotive – nehmen die Angst, plötzlich mit leerer Batterie liegen zu bleiben. Auch die Wärmepumpe von Rheinmetall Automotive kann die Ausdauer von Elektrofahrzeugen steigern. Für PHEV spielt die Reichweitenangst zudem kaum eine Rolle. Eine geringere Reichweite erklärt auch nicht, dass im dichtbesiedelten Deutschland mit seinen zahlreichen Ballungsgebieten und den damit verbundenen kurzen Wegstrecken das E-Auto weniger erfolgreich ist als in Norwegen. Schließlich leben hier gerade einmal 13 Menschen auf einem Quadratkilometer. Eng verbunden mit der Reichweite von E-Autos ist das Thema Infrastruktur – im Kern also die zur Verfügung stehenden Ladesäulen. In Deutschland hat sich gerade 2016 viel getan: Ende des Jahres waren bei www.chargemap.com, der wohl wichtigsten Internetseite zum Auffinden von Lademöglichkeiten, bundesweit 6.200 Stationen verzeichnet – rund 2.000 mehr als noch ein Jahr zuvor.

Reichweitenangst und fehlende Lademöglichkeiten sind nicht mehr die wichtigsten Gründe, sich gegen ein E-Auto zu entscheiden

Diese verteilen sich auf die Fläche von rund 357.000 Quadratkilometern, wobei es große regionale Unterschiede gibt. Alleine in Berlin befinden sich fast 600 Möglichkeiten zum elektrischen „Tanken“. Rein statistisch gesehen hat Deutschland damit in Sachen Ladeinfrastruktur sogar Vorteile gegenüber Norwegen. In dem skandinavischen Land verteilen sich – laut den Zahlen von chargemap.com – 2.100 Ladesäulen auf 385.000 Quadratkilometer. Auch die McKinsey-Studie zeigt, dass Reichweitenangst und fehlende Lademöglichkeiten nicht mehr die wichtigsten Gründe sind, sich gegen ein E-Auto zu entscheiden. Weniger als ein Viertel der Befragten in den USA und Deutschland gab an, dass die mangelnde Reichweite für sie ausschlaggebend sei, 18 Prozent nannten fehlende Ladestationen.

E-Autos müssen sich rechnen

Das wichtigste Argument gegen E-Autos ist laut der McKinsey-Studie ein zu hoher Anschaffungspreis – 25 Prozent der Befragten gaben diese Antwort. Schaut man sich die finanziellen Anreize zum Kauf von EV und PHEV in Norwegen an, wird ein Hauptgrund ersichtlich, warum die E-Mobilität dort „läuft“: Umgerechnet rund 15.000 Euro schießt der Staat beim Kauf zu. Steuerliche Vorteile und besondere Privilegien, zum Beispiel die Busspur benutzen oder zum Teil kostenlos parken zu dürfen, kommen hinzu. Darüber hinaus ist nicht nur die Anschaffung, sondern auch der Unterhalt von EV und PHEV preiswerter als in Deutschland – und das bei dem wesentlich höheren norwegischen Einkommensniveau.

Strom ist in Norwegen rund ein Drittel günstiger als in Deutschland

Denn auch Strom ist im Hochpreisland Norwegen – je nach Wechselkurs – rund ein Drittel günstiger als in Deutschland – im Schnitt also rund 10 Cent pro Kilowattstunde; je nach Verbrauchsstufe sogar bis zu 15 Cent. Damit wird klar, dass Elektroautos in Norwegen nicht nur in ökologischer, sondern noch viel stärker in wirtschaftlicher Hinsicht eine lohnenswerte Alternative zu Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor sind. Auch außerhalb von Norwegen hat das E-Car immer dann Erfolg, wenn sich die Anschaffung rechnet – aber auch nur dann. Beispiel Niederlande: Hier lag der Marktanteil von EV und PHEV bei Neuzulassungen im Jahr 2015 bei fast zehn Prozent. Die Gründe dafür waren ähnlich wie in Norwegen: Vor allem große steuerliche Vorteile machten die Anschaffung lohnenswert. Mit Beginn des Jahres 2016 wurden diese zu Ungunsten der E-Auto-Käufer geändert. In der Folge brach der Absatz von EV und PHEV im ersten Halbjahr um 64 Prozent ein. Das Fazit muss also lauten, dass sich die Elektromobilität auf dem Massenmarkt nur dann durchsetzen kann, wenn sie sich rechnet – unabhängig von allen ökologischen Aspekten.