Gold der Heide

Heidehonig ist eine gefragte Spezialität

FOJANA – die Abkürzung aus Forstwirtschaft, Jagd und Naturschutz – ist Programm auf dem Rheinmetall-Versuchsgelände in Unterlüß. Hier werden Heide- und Waldflächen nachhaltig bewirtschaftet. Das führt auch dazu, dass in jedem August rund dreißig Imker mit ihren rund 400 Bienenvölkern „einwandern“ dürfen.

Mittlerweile hat sich ein fester Stamm an Imkern gebildet, der in jedem Spätsommer fast schon aus Tradition auf das Gelände kommt, um hier den begehrten leicht cremigen und hocharomatischen Heidehonig zu gewinnen. Dazu erhalten sie Passierscheine, denn für die Öffentlichkeit ist das Gelände gesperrt. „Die Heidelandschaft ist eine vom Menschen geschaffene Kulturlandschaft“, erläutert FOJANA-Chef Rüdiger Quast, der zusammen mit seinem Kollegen Hermann Mielich, zwei Förstern und drei Forstwirten das rund 50 Quadratkilometer große Gelände in der Lüneburger Heide bewirtschaftet und als Jagdaufseher betreut. „Sie entspricht zwar der nacheiszeitlichen Naturentwicklung in Norddeutschland, aber ohne den Eingriff des Menschen würden sich in wenigen Jahren Büsche und Bäume durchsetzen und das Gebiet würde verwalden.“ Um dies zu verhindern – denn Bäume würden auf einem Übungsplatz stören – werden Teile des Areals turnusmäßig abgebrannt, um das Austreiben der Baumarten zu verhindern. Nur so kann sich die Heide erneuern und ungestört bilden. Im darauffolgenden Jahr treibt sie wieder ihre bekannte farbenfrohe Blüte. Als zusätzliche „Helfer“ kommen sonst lediglich noch Heidschnucken zum Einsatz, die die jungen Baumtriebe kurz halten. Die ausgeprägte Schafwirtschaft im 19. Jahrhundert hat neben der damals starken Abholzung – Holz war als Baumaterial und Heizstoff sehr gefragt – erheblich zum historischen Erhalt der Heideflächen beigetragen.

Das Eindämmen des nachrückenden Birken- und Kiefernwaldes kommt direkt den Insekten zugute und lockt letztendlich auch die Imker aus den umliegenden Dörfern an, die ihre Bienen hier den wertvollen Heidehonig sammeln lassen. 

Der Bienenflüsterer

„Wenn wir hier gestochen werden, dann von den Bremsen. Mit meinen Bienen habe ich vorher geredet“, sagt Imkermeister Klaus Ahrens scherzhaft, als er bis auf zwei Meter verdächtig nah an die Körbe seiner Völker heranfährt. Dieses einvernehmliche Verhältnis braucht er auch, denn der Imker in dritter Generation arbeitet ohne jegliche Schutzkleidung und fasst auch die bienenüberströmten Waben seiner Völker mit bloßen Händen an. Aber er sollte Recht behalten und nach wenigen Minuten -verlieren auch die Bremsen ihr Interesse an den neuen Heidebesuchern. Einziges Hilfsmittel, um die Bienen in Schach zu halten, ist der Smoker. Darin glimmen Sägespäne und erzeugen Rauch, den die Bienen als Brandalarm verstehen. Daher kümmern sie sich in dieser Stresssituation allein um ihre Brut samt Vorräten und nicht um den Menschen, der gerade am Stock arbeitet. Natürlich passiert es auch Ahrens nicht zu selten, dass er einen Stich abbekommt, aber in rund 80 Prozent dieser Fälle sieht er vor allem bei sich selbst die Schuld. Inzwischen ist er aber nach mehr als 35 Jahren als Imker gegen Bienenstiche immun. 

Ahrens ist Vizepräsident des Deutschen Berufs- und Erwerbsimkerverbandes, stammt aus dem benachbarten Müden und lebt dank seiner rund 400 Völker allein von der Imkerei. Seine Familie imkert in mittlerweile vierter Generation seit über 100 Jahren, denn auch der Sohn steigt zur Freude des Vaters gerade in den Familienbetrieb ein. 

Schädlinge wie die varoamilbe und die ausbreitung der ackerflächen bringen die bienen in gefahr

Es ist ein Zweig der Nutztierwirtschaft, der es nicht immer leicht hatte. Zum einen rafften in den zurückliegenden Jahrzehnten Schädlinge wie beispielsweise die Varoamilbe sowie der flächendeckende Einsatz von Pestiziden teilweise 50 Prozent der Völker hin. Zum anderen mussten sich die Imker vor der sich ausbreitenden Landwirtschaft weiter zurückziehen, denn Ackerflächen sind für Bienen praktisch verlorene Anflugziele, sieht man vom Raps einmal ab. Umso wichtiger ist für Ahrens und seine Kollegen die Möglichkeit, mit seinen Völkern auf nahezu unberührte Flächen wie das Übungsgelände zu gelangen. 

Ahrens wartet sehnsüchtig auf die Heideblüte, denn ihm bleibt aus den letzten Ernten kein Glas Heidehonig mehr übrig, was viele seiner Kunden ihm schon fast persönlich übel nehmen. Um den Heidehonig richtig ernten zu können, waren für ihn schon kapitalintensive Investitionen in Spezialmaschinen notwendig, denn der begehrte Honig lässt sich nicht so einfach verarbeiten wie andere Trachten. Das macht dann seinen besonderen Charakter und sein einzigartiges Aroma aus, aber auch seinen doppelt so hohen Preis. 

Seine Imkerarbeit besteht hauptsächlich darin, die Bienen in ihrer Arbeit zu unterstützen und die notwendigen Voraussetzungen für ein erfolgreiches Sammeln zu schaffen. Ahrens: „Ich glaube, die Bienen wissen mehr als wir.“ Dazu werden seine Stöcke zwei- bis dreimal pro Jahr an andere Orte gebracht, mitunter sogar viele Kilometer entfernt in die Altmark. So folgt Ahrens mit seinen Bienen der Blütezeit von Raps, Akazie, Linde, Kornblume, Sonnenblume, Buchweizen und Heide. Dazwischen fällt noch die Sammelzeit für den Waldhonig. 

Ahrens geht derweil zur „Schwarmkontrolle“ wöchentlich alle Völker durch. Zudem muss er selber auch Bienen nachzüchten oder sogar kaufen, um seine Völker aufzufüllen, denn nur ein starkes Volk bringt den notwendigen Ertrag und eine Sommerbiene wird lediglich sechs Wochen alt. Je nach Jahreszeit muss er deshalb gelegentlich auch zufüttern und hat auch schon einmal sechs oder sieben schwache Völker zu einem neuen Volk zusammengebracht.

ob aus einer larve eine königin oder eine arbeiterin wird, entscheiden nur das futter und die sorge des hofstaats

Die Bienenkönigin legt eine Vielzahl von Eiern und selbst im Falle, dass eine Königin stirbt, könnte aus jedem ihrer Eier eine neue Königin werden. Darüber entscheiden nur das Futter, das die Larven erhalten und die umsorgenden Serviceleistungen des ständig um die Königin bemühten Hofstaats. Die Rang- und Funktionsorganisation innerhalb des Stocks ist klar aufgeteilt und streng organisiert. Nach dem Winter geht es ab einer Temperatur von 14 Grad Celsius hinaus aus dem Stock. Das ist meistens im April der Fall. Die Saison für die Bienen endet im Oktober.

Sehr beliebt bei den Verbrauchern ist auch der sogenannte Scheibenhonig, und zwar speziell von der Heidetracht. Selbst für Ahrens ist es eine Kunst, diesen Honig zu produzieren, der sich dann auf den Frühstücksbuffets guter Hotels in Scheiben findet und geschnitten auf dem morgendlichen Brötchen genossen wird. Ahrens erzielt dafür Preise von 50 Euro pro Kilogramm. Um Scheibenhonig zu erhalten, hängt der Imker einen Leerrahmen in den Stock. Die Bienen produzieren dann für diesen besonderen Genuss die Waben selbst und verdeckeln sie anschließend auch noch. 

Anders leben

Rund 150 Kilogramm Honig und 80 Kilogramm Pollen sammelt ein Volk in einem Jahr. Mehr als die Hälfte des Honigs und fast die gesamten Pollen benötigt das Volk für seinen Selbsterhalt. Das zeigt, wie fragil das ökologische Gleichgewicht in der Bienenwelt ist. Ahrens sieht aber schon gute Ansätze und ein sich wandelndes Bewusstsein in Bevölkerung und Politik. Das fängt an mit privat angelegten Bienenhotels sowie der bienenförderlichen Lagerung von Totholz und geht weiter über öffentliche Fördermaßnahmen oder auch das Angebot von „Bienenstrom“. Dabei werden beispielsweise beim jährlichen Durchschnittsverbrauch einer Familie vom Stromanbieter rund 500 Quadratmeter Bienenflächen angelegt. Ahrens: „Wir müssen lernen anders zu leben.“