Gemeinsamkeit macht stark

Horst Binnig erläutert die Hintergründe des Konzeptes ONE Rheinmetall

Die Rheinmetall Group setzt derzeit ein neues Strategiekonzept um. Das in seinen Wurzeln über 125 Jahre alte Unternehmen will sich damit konzernweit intensiver vernetzen, interne Potenziale heben und zu einer Gruppe für führende Technologien in Mobilität und Sicherheit entwickeln. Damit einher geht ein neuer Markenauftritt der gesamten Gruppe, die sich in ihrem Corporate Design mit vereinheitlichten Logos präsentiert. Im Zuge dieser Neuaufstellung wurde die KSPG AG in Rheinmetall Automotive AG umbenannt. Die automobilen Premiummarken Kolbenschmidt, Pierburg und Motorservice bleiben jedoch unter dem Dach der Rheinmetall Automotive AG erhalten.

Über die internen und externen Auswirkungen des Strategieprogramms ONE Rheinmetall sprach Heartbeat mit Horst Binnig, für die Rheinmetall Automotive AG zuständiges Vorstandsmitglied der Rheinmetall Group.

// Herr Binnig, was hat den Vorstand bewogen, das Strategieprogramm ONE Rheinmetall aufzulegen?

Wir haben sowohl für unseren Automotive wie auch für den Defence-Bereich die Zielsetzung, den Umsatz bis 2020 nachhaltig zu steigern. Wir sind davon überzeugt, dass der Markt das hergibt und wir die richtigen Produkte dafür haben. Wir müssen uns also fragen: Was sind die Voraussetzungen für eine solche Entwicklung und was könnten für Limitierungen bestehen? Erstaunlicherweise sind das nicht der Cashflow, das Wissen und nicht Produkte oder Märkte: Was wir vielmehr dringend benötigen, sind Menschen, die mit uns gemeinsam dieses Wachstum umsetzen.

// Auch hier der „war for talents“?

Ja, und dabei müssen wir uns fragen, wie uns die potenziellen Arbeitskräfte draußen sehen. Wenn man sich über Rheinmetall informiert, gewinnt man leicht ein falsches Bild, denn wir werden in der Öffentlichkeit vor allem als wehrtechnisches Unternehmen wahrgenommen, was nicht stimmt. In Summe stellen wir in den beiden Bereichen heute mehr Produkte für zivile Applikationen her als militärische Güter.

// Wie können Sie die Attraktivität für potenzielle Mitarbeiter erhöhen?

Wir haben eine so große Breite an Produkten und Technologien, die für junge Menschen hochgradig attraktiv sind. Zudem sind wir als globales Unternehmen weltweit unterwegs. Mit unseren internationalen Standorten können wir neuen Mitarbeitern einiges bieten. Außerdem wollen wir mit Hilfe von ONE Rheinmetall unsere generelle Position als Technologiekonzern für Mobilität und Sicherheit weiter ausbauen, und zwar intern wie extern.

// Welchen Stellenwert haben die Begriffe Sicherheit und Mobilität für Rheinmetall?

Ich glaube, jedem wird heute bewusst, dass die Krisenherde in unserer Welt nicht zuletzt über den Terrorismus näher rücken und dass wir zunehmend Schutz benötigen. Wir arbeiten dazu an Technologien, um diesen Schutz, diese Sicherheit noch besser gewährleisten zu können.

// Und der Bereich Mobilität?

Es gelingt uns immer besser klarzustellen, dass wir als Konzern über den Automotive-Bereich auch auf dem Sektor Mobilität führende Technologien entwickeln. Das Thema ist ja in einem massiven Umbruch. Das wird nicht nur unser Unternehmen allein fordern, sondern auch enorme volkswirtschaftliche Auswirkungen mit sich bringen.

// Wird dieser Umbruch wirklich nur durch die Elektromobilität verursacht?

Wenn man mal auf das Jahr 2025 schaut, dann sagen die Marktforscher uns heute zwischen drei und fünf Prozent reine Elektrofahrzeuge voraus. Nach meiner Einschätzung könnte das sogar, vor allem getrieben durch den chinesischen Markt, deutlich in Richtung 20 Prozent gehen. Regional wird es hier große Unterschiede geben, man denke an die aktuelle Verkehrs- und Luftbelastungssituation in den Megacities. Aber die verbleibenden 80 Prozent des Marktes für Verbrennungsmotoren sind immer noch mehr als die 100 Prozent von heute, weil der Markt ja insgesamt weiter deutlich wachsen wird. Es ist also eine große Bandbreite an Veränderungen, die auf uns zukommen wird.

// Wie weit fassen Sie den Begriff Mobilität bei Rheinmetall in Zukunft?

Wir sind kein Mobilitätsanbieter. Wir sind und bleiben ein Technologiekonzern, der technische Lösungen für die Mobilität der Zukunft und für die Sicherheit der Zukunft liefert, um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Aber vergessen wir nicht: Im Moment sind in Deutschland über 30 Städte dabei, die gesetzlichen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit sie bestimmte Fahrzeuge bei kritischen Feinstaublagen komplett verbieten dürfen. Die ganzen Autopendler kommen dann nicht mehr an ihren Arbeitsplatz, denn wir werden feststellen, dass öffentliche Verkehrsmittel sie gar nicht alle aufnehmen können. Und mit welchem Fahrzeug bekommt der Großbäcker seine Brötchen in die Filialen? Das wird große Auswirkungen auf unseren Markt haben, denen wir uns stellen müssen.

// Also ein Nebeneinander unterschiedlicher, auch neuer Technologien in der Mobilität?

Ja, und mehr noch. Es werden sich schlichtweg ganze Mobilitätskonzepte und damit auch die Fahrzeuge und Elemente ändern, die dort eingebunden sind. Wenn jemand in Zukunft von A nach B will, dann wird das nicht nur mit dem eigenen Auto bewältigt werden. Immer mehr werden Apps genutzt werden, die uns schnell und ökonomisch steuern: mit dem Taxi dorthin, mit dem Zug weiter und mit dem Leihwagen zum nächsten Zwischenhalt. Die „letzte Meile“ dann vielleicht zu Fuß oder mit einem Pedelec? Auf dieses veränderte Verhalten müssen wir uns einstellen.

// Was versprechen sich die Bereiche Automotive und Defence von der gemeinsamen Strategie?

Natürlich entsteht zunächst einmal Synergiepotenzial, wenn zwei Unternehmen zusammenfinden. Einen viel wichtigeren Effekt verspreche ich mir aber vor allem von dem Austausch von Wissen und der gegenseitigen besseren Vernetzung. Zwei Beispiele: Automotive ist geprägt durch den jahrelangen Preisdruck unserer Kunden. Wir sind sehr lean und sind es zwischenzeitlich gewohnt, hocheffektiv in großen Stückzahlen zu produzieren. Das sind Dinge, die auf der Defence-Seite so bisher nicht gefordert waren, aber jetzt zunehmend stärker notwendig werden. Demgegenüber hat die Defence-Seite viel Wissen im Bereich Elektronik und was den Schutz für vernetzte Fahrzeuge angeht. Das sind Themen, die uns bei Automotive auch weiterhelfen.

// Sind Akquisitionen eine Option für Rheinmetall?

Wir haben zwar Geld in der Kasse, aber wir sind nicht bereit, Firmen oder Technologien um jeden Preis zu akquirieren. Der Markt treibt da im Augenblick gerade in Richtung Elektromobilität so seine Kapriolen. Was wir tun, muss wirtschaftlich bleiben. Daraus ist auch unser interner Intrapreneur Award entstanden, der mittlerweile fünf hochinteressante Projekte hervorgebracht hat. Deshalb prüfen wir nach wie vor die Erweiterung unserer Produkt- und Technologieportfolios durch Akquisition und beschäftigen uns parallel mit der Frage: Was können wir aus uns selbst heraus als Start-ups bringen?

DIE STRATEGIE ONE RHEINMETALL IMPLIZIERT JA AUCH DIE AUSSAGE, DASS AUTOMOTIVE UND DEFENCE ZUSAMMENBLEIBEN

// Und wie steht es mit dem Thema Desinvestition?

Die Strategie ONE Rheinmetall impliziert ja auch die Aussage, dass Automotive und Defence zusammenbleiben. Das ist schon eine wichtige Grundsatzentscheidung und Voraussetzung für den gesamten Prozess. Und damit einher geht natürlich die Frage: Was können wir in diesem neuen engen Verbund tun, um uns zu optimieren und versteckte Potenziale zu heben, die bisher nicht genutzt wurden? Das kommt nicht nur unseren Mitarbeitern, sondern zuletzt auch unseren Shareholdern zugute.

// Wie läuft dieser Prozess ab?

Wir haben dazu zehn Initiativen ins Leben gerufen, die ihre jeweiligen Themen mit Spezialistenteams durcharbeiten. Das Ganze jeweils mit Unterstützung eines der vier Vorstandsmitglieder der Rheinmetall Group. Damit decken wir alle Unternehmensfunktionen vom Prozess der Gruppenstrategie bis zur veränderten Kommunikation ab. Und das über alle operativen Bereiche und für die gesamte Gruppe.

// Was ändert sich mit ONE Rheinmetall für die Mitarbeiter?

Sicherlich ist die Identifikation unserer Mitarbeiter, zumal auf dem Shopfloor, eher werks- oder firmenbezogen und daran wird sich kurzfristig auch nichts ändern. Wir erhalten bei Automotive ja auch die starken Marken Kolbenschmidt, Pierburg und Motorservice, die sich über viele Jahrzehnte etabliert haben. Die Mitarbeiter sollen aber wissen, dass ihr Unternehmen oder ihr Standort zu einem großen Technologiekonzern und damit zu einer großen Familie gehören. Und die heißt Rheinmetall Group.

// Können Sie schon erste Erfolge der neuen Strategie ONE Rheinmetall erkennen?

Im Binnenverhältnis sehe ich schon ein verstärktes Momentum im Rahmen der vielfältigen angestoßenen Initiativen und Prozesse. Außerdem wird sich mittelfristig das Erscheinungsbild von Rheinmetall schrittweise ändern. Der erste Schritt wird sein: „Rheinmetall macht nicht nur Defence, sondern auch Automotive“. Der nächste Schritt wird sein: „Okay, Rheinmetall ist ein Technologiekonzern mit unterschiedlichen Sparten“. Es kommen vielleicht im Laufe der Zeit auch noch weitere dazu.