Fahren mit Blaulicht

Einsatzkräfte üben Extremsituationen

Die Häuserwände reflektieren das rhythmische Aufblitzen des Blaulichtes in der Dämmerung. Derweil lässt der Regen laut platzende Kreise auf die Windschutzscheibe des Rettungswagens niederprasseln, nur unterbrochen von dem durchdringenden Signal des Martinshorns.

Über Funk bestätigt die Leitzentrale noch einmal den Einsatzort. In seinem Lenkrad spürt der Fahrer dabei das Kopfsteinpflaster, das sein Rettungswagen gerade kreuzt, und fühlt die Erschütterungen auch in seinem Fahrersitz. Er folgt instinktiv Wankbewegungen seines Fahrzeugs, das er gerade schneller als normal in Richtung der Züricher Innenstadt zum gemeldeten Unfallpunkt steuert. Er schaut in den Rückspiegel, ob er nach dem gerade überholten Motorroller wieder einscheren kann. Das Schild „Achtung Schule“ sieht er noch im Augenwinkel, als plötzlich unvermittelt hinter einem parkenden Wagen ein Kind auf die durch den Regen glitschige Fahrbahn springt. Eine Situation, die niemand erleben möchte, und die auch erfahrene Rettungswagenfahrer ins Schwitzen bringt. Eine Situation, bei der jeder froh ist, wenn sie nur in einem Simulator zur Übung gefahren wurde, ohne dass irgendjemand dabei zu Schaden gekommen ist.

Das Trainieren von Rettungsfahrten unter Blaulicht ist nicht nur in der Schweiz generell verboten.

Interaktive Fahrausbildung

 

„Da das Trainieren von Rettungsfahrten unter Blaulicht nicht nur in der Schweiz generell verboten ist, besteht für die Einsatzkräfte von Polizei, Krankenwagen oder Feuerwehr nur die Möglichkeit, das Verhalten in kritischen Situationen auf einem Simulator zu üben“, erläutert Johann Walther, seit Jahresbeginn Geschäftsführer der Rheinmetall Swiss SIMTEC AG im schweizerischen Thun. Sein Unternehmen ist innerhalb des Technologiekonzerns Rheinmetall unter anderem auf diese Form von Trainingssimulatoren spezialisiert.

Technisch die Nase vorn

Mittlerweile machen die speziellen Blaulichtsimulatoren ungefähr 20 Prozent seines Jahresumsatzes aus. Dabei ist eine möglichst große Realitätsnähe entscheidend für den Übungserfolg, weiß Walther: „Die Echtheit der Darstellung in den Simulatoren begeistert unsere Kunden immer wieder.“ Seine knapp 180.000 Euro kostenden Geräte verfügen im Gegensatz zu Wettbewerbssystemen über höchstauflösende 4K-Bildschirme. Sie sind gewissermaßen die Windschutzscheibe des Einsatzfahrzeugs, die wenn gewünscht auch einmal beschlagen kann, um die Übung zu erschweren. Die gesamte Fahrerkabine steht zudem auf in sechs Richtungen steuerbaren Servomotoren. Direkte Erschütterungen werden über den Sitz an den Fahrer weitergemeldet. Die Simulatoren sind mit einer sehr komplexen, gemeinsam mit der Muttergesellschaft in Bremen entwickelten Software ausgestattet, die – ob nun in einem Polizeiauto, Krankenwagen oder Löschfahrzeug – nahezu jede denkbare Einsatzsituation simulieren und damit üben lässt. 

Reh von rechts

Ganz egal wie der Straßenzustand, die Witterung, der Einsatzort oder die Gefahrensituation sein sollen: Vom geschilderten Stadtszenario über den unerwarteten Wildwechsel auf vereister Landstraße bis zum mit mehreren Fahrzeugen verfolgten Amokfahrer auf der Autobahn lässt sich nahezu jede mögliche Einsatz- und Gefahrensituation trainieren. Ganz realitätsnah zählen dazu auch immer häufiger eine fehlende Rettungsgasse oder durch das herannahende Blaulichtfahrzeug überforderte Verkehrsteilnehmer.

Eye-Tracker sieht alles

Die Probanden im Fahrersitz werden dabei durchaus an ihre Grenzen gebracht, denn beispielsweise auch bei der Verfolgung eines potenziellen Straftäters unter Blaulicht müssen Polizisten sich permanent die Verhältnismäßigkeit ihres Handelns vergegenwärtigen und entsprechend entscheiden. Kein Wunder, dass schnell so mancher Schweißtropfen von der Stirn der Übungsfahrer perlt, während ein modernes Eye-Tracker-System ganz ohne Helm oder Brille die fixierten Punkte in Rückspiegel oder Fahrtrichtung registriert und an den Bildschirm des Übungsleiters weitergibt. Übung macht halt auch beim Fahren unter Blaulicht den Meister.

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