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Technische Berufe bieten Frauen viele Chancen

Volkswirtschaftlich wie gesellschaftspolitisch ein Unding: Viel zu wenige Frauen wählen einen technischen Beruf oder absolvieren ein Ingenieurstudium. Dennoch tun sich auch für Frauen in diesem Bereich viele Perspektiven auf, wie sich bei Pierburg in Berlin zeigt. Heartbeat sprach mit vier Frauen in ganz unterschiedlichen technischen Funktionen über ihre Lebens- und Ausbildungswege sowie ihre Erfahrungen in einem immer noch von Männern dominierten Umfeld.

„Ich möchte Ingenieurin werden“, schrieb Sharon Pommerenke schon im zarten Alter von zehn Jahren in das Freundschaftsbuch einer Klassenkameradin. Die heute 21-Jährige studiert zurzeit im sechsten Semester Maschinenbau an der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht. Als dual Studierende konzipiert sie zudem im Rahmen ihrer Bachelor-Thesis eine neue Fertigungslinie für Kühlermodule bei Pierburg. Als eine von drei Frauen begann sie gemeinsam mit 30 Männern ihr Studium. Inzwischen haben sich die Herren um ein Drittel reduziert, aber die drei Studentinnen sind vollzählig am Ball geblieben. Sharon Pommerenke: „Wir Frauen haben gewusst, was wir wollen.“

Ähnlich stringent zeigt sich auch der Lebensweg von Anika Schlimper, die nachdem Masterstudium Wirtschaftsingenieurwesen an der TU Berlin 2013 im Einkauf bei Pierburg startete und seit vergangenem Jahr als Program Managerin ihren Produktbereich steuert und dabei auf Qualität, Kosten und Termine achtet.

Für die junge Wirtschaftsingenieurin war schon nach dem Abitur ein Studium aus der Kombination von BWL und Maschinenbau gesetzt. „Mein Bruder und meine Schwester sind beide Ingenieure“, sagt sie. „Da war der Weg für mich praktisch schon vorgeprägt.“ Ob technisch versierte oder interessierte Väter, Geschwister oder Cousins – bei allen vier Frauen zeigt sich, dass das familiäre Umfeld nicht unerheblich zur Berufsfindung beigetragen hat. Bei Ilona Beyer war es sogar die Mutter, die den Ratschlag gab, sich in Richtung Technik zu entwickeln. Ilona Beyer hatte durch Praktika zusätzlich auch in die Altenpflege hineingeschnuppert, denn der Umgang mit Menschen war und ist für sie wichtig.

Es geht um Sekunden

Den hat die ehemalige Leichtathletin, nachdem sie den auf europäischem Level betriebenen Leistungssport an den Nagel gehängt hat, noch immer, aber in einem ganz anderen Umfeld. „Diplomatie und Einfühlungsvermögen sind bei mir auch heute noch gefordert“, sagt die aus Westfalen stammende Fertigungsplanerin – dann, wenn sie gemeinsam mit Maschinenbedienern unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Nationalitäten neue Produkte auf CNC-Maschinen einfährt. Ilona Beyer hat zuvor die entsprechenden Programme geschrieben und empfindet es immer wieder als besonderen „Adrenalin-Kick“, wenn ein neues Produkt erstmals auf die Maschinen kommt.

Als einzige Frau in einem Team von 15 Fertigungsplanern steuert sie die mechanische Zerspanung mit 70 Mitarbeitern. Ein Job, bei dem es um effiziente Maschinenlaufzeiten und damit teilweise auch um Sekunden geht. Ilona Beyer hat in ihrem bisherigen Berufsleben gelernt, wie wichtig es generell ist, offen auf Menschen zuzugehen, selbst wenn in einzelnen Fällen männliche Kollegen oder Mitarbeiter zunächst einmal nicht mit einer Frau zusammenarbeiten wollen. Ihre Erfahrung zeigt, dass man mit vermittelndem Geschick auch in solch schwierigen Situationen weiterkommt und dass häufig Unsicherheit eine Rolle spielt. Sie weiß mittlerweile, wie sie den Kollegen diese nehmen kann. Hinzu kommt, dass Ältere eher noch ein anderes Weltbild haben, aber „bei Jüngeren ist es selbstverständlich, dass eine Frau in der Funktion ist.“

Rennfahrerin mit Durchsetzungsvermögen

Verwunderung hingegen stellt Sally Bartenbach bei Männern in ihrem privaten Umfeld häufig fest, wenn die junge Rennfahrerin sich und ihr Auto auf ein Stockcar- oder Autocross-Rennen vorbereitet: „Es gibt nicht viele Frauen, die so etwas machen.“ Sally Bartenbach stand schon von klein auf in der Werkstatt ihres Vaters und zog bereits damals Maulschlüssel und andere Werkzeuge der Beschäftigung mit Spielzeug für Mädchen vor. Das ging so weit, dass ihre Mutter die Verwandtschaft sogar warnte, mitgebrachte Puppenausstattung laufe Gefahr, auf dem Müll zu landen. 

Sally Bartenbach ist dieser Vorliebe für Autos treu geblieben, flext heute auch schon einmal die demolierte Front ihres Rennwagens ab, wenn sie sich im Eifer des Gefechts überschlagen hat, und schweißt anschließend eine neue Kühlerhaube an, um den Wagen wieder flott zu bekommen. Zur Verwunderung einiger ihrer männlichen Kontrahenten landet sie bei ihrem Sport durchaus auch auf dem Siegertreppchen, selbst wenn ihr Wagen manchmal den schwächsten Motor im Feld hat. Auch Sally Bartenbach war sich sehr früh klar darüber, dass sie beruflich etwas Handwerkliches machen will und nicht den ganzen Tag am Computer sitzen mochte: „Büro ist nicht mein Job.“ Sie absolviert nach ihrem Abitur eine Ausbildung zur Industriemechanikerin. Im beruflichen Alltag gilt es für alle, auch einmal Widerstände der männlichen Kollegen zu überwinden, wobei diese Situationen aus ihrer Erfahrung nur sehr selten aufgetreten sind und wirkliches Unwohlsein in der Rolle als Frau in einem technischen Beruf bisher nicht aufgekommen ist. Das gilt auch im Privatleben. Wenn Fragen aus dem Umfeld nach der beruflichen Tätigkeit kommen, ernten alle zunächst einmal Erstaunen. Das weicht dann einem Interesse an der für Frauen immer noch ungewöhnlichen Beschäftigung, zumal die Gesprachspärtner auch schnell merken, wie sehr frau sich mit ihrer technischen Aufgabe identifiziert und von ihr begeistert ist.

Die Mischung macht’s

Sollten im Beruf einmal unangemessene Ansprachen in Richtung „Mäuschen“ oder „Gibt’s Kaffee?“ fallen, haben alle gelernt, ruhig, aber bestimmt zu reagieren. Dabei hat sich am Ende immer gezeigt, dass letztendlich auch den Männern klar ist, dass eine Frau genauso versiert in technischen Dingen sein kann und manchmal auch die Nase vorn hat. Das hat auch Anika Schlimper schon zu Studienzeiten erfahren, als es beispielsweise um das Thema finite Elemente ging. Wo sich ihre Kommilitonen extrem schwertaten, schloss sie das Seminar locker mit 1,0 ab. Dennoch: Ausschließlich mit Frauen zusammenarbeiten möchten sie nicht. Einhelliges Votum: Die gesunde Mischung macht’s. Warum? Frauen und Männer haben unterschiedliche Ansätze, an Dinge heranzugehen und diese Vielfalt oder „Diversity“ ergibt einen Mix, der die Abläufe voranbringt. In der Regel – so die Erfahrung der Runde – werden Frauen deshalb gerne von männlichen Kollegen in Teams aufgenommen. Dabei hat sich gezeigt, dass Männer bei Problemen im Arbeitsbereich häufig zu ihren Kolleginnen gehen, um dort um Hilfe oder technische Tipps zu bitten. Die Hemmschwelle ist einfach niedriger. Dies soll jedoch nicht darüber hinwegtauschen, dass Frauen oft mehr als 100 Prozent Leistung bringen müssen, um anerkannt zu werden, besonders wenn sie in ein neues Arbeitsumfeld kommen, in dem man sie nicht kennt und einschätzen kann.

Würden sie den technischen Berufsweg anderen Frauen weiterempfehlen? „Ja – und natürlich auch Männern“, ist hier die selbstbewusste und konsequente Antwort von Anika Schlimper. Sharon Pommerenke verweist zudem auf die weitgefächerten beruflichen Möglichkeiten nach einer Ausbildung oder einem Studium im Maschinenbau: „Von der Charite bis zu den Wasserwerken werden Maschinenbauer in so vielen Berufszweigen gebraucht.“ Natürlich hatten alle vier Frauen bereits in ihrer schulischen Ausbildung mathematisch-naturwissenschaftliche Schwerpunkte gesetzt. Und so empfiehlt Ilona Beyer auch, „dass man für den technischen Bereich ein gewisses räumliches Vorstellungsvermögen und einen inneren Zugang zur Mathematik mitbringen sollte.“ Die Quintessenz von Sally Bartenbach: „Wenn man etwas machen will, warum sollte man sich von anderen davon abhalten lassen, seine Träume zu verwirklichen?“ Recht hat sie.