Back to the Future

Ein modernes Motor-Märchen

Marty McFly und Doc Brown brauchten für ihre Zeitreise noch einen Flux-Kompensator. Doch wenn der EVEX Porsche 910 nach 40 Jahren jetzt noch einmal Fahrt aufnimmt, reicht ihm ein Elektromotor. Denn mit knapp 500 PS und mehr als 300 km/h kann man schon mal ein paar Jahre überspringen.

Diese Geschichte hat alles, was es für ein modernes Motor-Märchen braucht: ein legendäres Auto, ein verkapptes Genie, einen reichen Retter und drei Visionäre. Und wenn es nach dem Plan der Protagonisten läuft, dann hat sie bald nicht nur ein Happy End, sondern auch noch eine glorreiche Zukunft. Denn über 40 Jahre nach seiner Jungfernfahrt als einer der spektakulärsten Rennwagen seiner Zeit läuft sich der EVEX Porsche 910 jetzt warm für sein Comeback als Elektroauto. Nur 35 Mal gebaut und nur für den Werkseinsatz gedacht, haben die Schwaben die im besten Fall 450 Kilogramm leichte Flunder ab 1966 erst mit einem Sechs- und dann einem Acht-Zylinder-Motor bestückt und aus gerade mal 2,2 Litern Hubraum bis zu 270 PS gekitzelt. Die ganz großen Siege etwa in Le Mans blieben dem 910 zwar vorenthalten. Doch bei der Targa Florio 1967 haben gleich drei 910 auf dem Treppchen geparkt.

Fäden laufen in Solingen zusammen

Das verkappte Genie ist Egon Evertz, ein Stahlmagnat aus Solingen, selbst erfolgreicher Rennfahrer, Schachmeister, Geigenvirtuose – und Inhaber der EVEX GmbH, die sich in den 1970er-Jahren auf das Tuning aktueller Porsche-Modelle und den Nachbau berühmter Rennwagen spezialisiert hatte. Kaum war der 910 auf der Strecke, wollte Evertz den Wagen auch auf die Straße holen, hat den EVEX Porsche mit 85 Prozent Originalteilen bis hin zum Motor mit weltweit erster Straßenzulassung entwickelt und von Hand die ersten Fahrzeuge montiert – bis das Projekt nach der Seriennummer IV in einen tiefen Dornröschenschlaf gefallen ist.

Der reiche Retter ist Siegfried Lapawa, ein Industrieller ebenfalls aus Solingen, der über ein Dutzend Unternehmen führt und trotzdem noch Zeit hat, selbst Autorennen zu fahren. Lapawa besitzt einen originalen Porsche-910-Werksrennwagen ohne Straßenzulassung. Er hat schon immer für Porsche geschwärmt und bereits seinen allerersten Sportwagen aus Stuttgart bei EVEX auf Vordermann bringen lassen. Und die drei Visionäre sind die Gebrüder Kreisel aus Freistadt in Österreich, die als europäische Antwort auf Tesla gehandelt werden. Dass all diese Fäden jetzt zusammenfinden, liegt vor allem an Hobby-Rennfahrer Lapawa. Denn nach wie vor glüht der Industrielle für Porsche im Allgemeinen und den 910 im Besonderen. Und vor allem hat er Egon Evertz und seine EVEX GmbH nie aus den Augen verloren.

Allenfalls ein Dutzend Boxer

Umso überraschter muss Lapawa gewesen sein, als er vor gut acht Jahren zum ersten Mal wieder in die alten EVEX-Hallen gekommen ist, denn da sah es noch genauso aus wie vor 40 Jahren und in ihm ist der Entschluss gereift, das Puzzle zu vollenden und noch einmal eine Handvoll Autos zu bauen. Also hat er die Firma gekauft, den Bestand übernommen und überall in der Welt nach fehlenden Teilen gesucht.

WEIL LAPAWA NICHT NUR EIN FAN HISTORISCHER RENNWAGEN IST, HATTE ER NEBEN DEM BENZINER NOCH EINE VARIANTE IM SINN

Nach einer etwas längeren Inventur war klar, dass es für allenfalls ein Dutzend Fahrzeuge reichen würde – jedes etwa eine halbe Million Euro teuer und bestückt mit einem Sechs-Zylinder-Boxer mit 3,2 Litern Hubraum und 300 PS, der bei gerade einmal 780 Kilo für über 300 km/h gut ist. Weil Lapawa nicht nur ein Fan historischer Rennwagen ist, sondern auch nach vorne blickt, hatte er neben dem Benziner noch eine zweite Variante im Sinn und hat zusammen mit den Kreisel-Brüdern den 910e entwickelt. Die Flunder bekommt einen 53 kWh großen Kreisel-Akku, der jenseits der Rennstrecke realistische 350 Kilometer Reichweite verspricht, und zwei Elektromotoren mit zusammen 490 PS und 770 Nm.

Ganz schön exklusiv

Sonderlich vernünftig klingen die Eckdaten ihres Elektroautos nicht. Und bei einem Preis von einer Million Euro dürften sich die Stückzahlen in engen Grenzen halten. Doch für die Gebrüder Kreisel ist der EVEX Porsche 910 mit dem kleinen e im Annex trotzdem ein wegweisendes Auto. Erstens zeige er, dass der Elektromobilität die Zukunft gehöre und ihr kaum Grenzen gesetzt seien, argumentiert Firmenchef Markus Kreisel. Und zweitens ist der EVEX 910e nach einer Handvoll Prototypen tatsächlich das erste Auto, das man kaufen kann. „Damit beginnt für unser Unternehmen ein ganz neues Kapitel“, sagt Kreisel über den Schritt von der Theorie in die Praxis. Praxis – das bedeutet in diesem Fall, dass die Kreisels mit ihren Partnern von Hand den Rahmen des Rennwagens modifizieren, dass sie einen Akku einbauen und den Motor tauschen und dass sie sich auch um die Peripherie kümmern. Dazu zählt unter anderem ein innovatives Thermomodul von Rheinmetall Automotive zur Temperierung der Batterie, das besonders effizient arbeitet und so die Reichweite des elektrischen Renners vergrößert. Nicht, dass man in einem Auto wie diesem wirklich frieren würde: Von 0 auf 100 schafft es der Wagen in gerade einmal 2,5 Sekunden. Doch wenn die Technik hilft, einen kühlen Kopf zu bewahren, kann das bei einem derart seltenen Renner und solchen Leistungsdaten nicht schaden.

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