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Ein Gespräch mit Chinaexperte Lothar Schneider

„China wird auch in den kommenden Jahren immer weiter wachsen“, sagt Lothar Schneider, der künftig alle Geschäftsaktivitäten der KSPG-Gruppe im Reich der Mitte koordinieren wird. Schneider ist unter anderem seit 2001 im Management zuständig für das chinesische Guss-Joint-Venture KPSNC.

Heartbeat sprach mit ihm über seine neue Aufgabe in Shanghai und die Chancen künftiger Antriebsformen in China.  

// Vor kurzem wurde die KSPG (China) Investment Company Ltd. gegründet. Weshalb diese neue Gesellschaft? 

Wir haben im Moment neun unterschiedliche legale Einheiten in China, teilweise als Joint Ventures, teilweise als 100-Prozent-Firmen. Ziel der KSPG (China) Investment ist es, die Aktivitäten dieser Gesellschaften übergreifend zu koordinieren und sicherzustellen, dass alle von der Entwicklung in China profitieren können.  

// Wie erreicht man das? 

Aufgabe dieser Funktion ist vor allem, die Kommunikation zwischen den Firmen zu verbessern, auch, wo sinnvoll, möglich und machbar, den Bereich Shared Services zu erweitern – zur Steigerung der Kosteneffizienz.  

// Gilt die neue Managementfunktion auch für die dortigen Joint Ventures?

Ja. Wir haben in der betriebswirtschaftlichen Betrachtung der KSPG Gruppe auch einen „Total Management View“, deshalb gehören natürlich auch die Gemeinschaftsunternehmen in China dazu. Sehen Sie, der Gussbereich hat mittlerweile ein Umsatzvolumen von über 800 Mio. Euro erreicht und 2015 sehr gut abgeschnitten. Zwei Drittel davon sind aus China gekommen und in Neckarsulm lagen wir bei gut 260 Mio. Euro.

// Wie gehen Sie diese sehr weit gespannte Aufgabe an?

Das Ganze kann nur funktionieren, wenn es in einer Matrix läuft, denn die Produkt- und Entwicklungsverantwortung muss natürlich bei den Muttergesellschaften bleiben. Meine Funktion ist also eine koordinierende – mit dem Ziel, sicherzustellen, dass alle in China vertretenen Firmen am Marktwachstum teilhaben können. Unser Ziel ist ja, im Jahr 2016 in China weiter nachhaltig zuzulegen.

// Ist das Tempo des chinesischen Marktes denn überhaupt noch so hoch?

Ich werte die aktuelle Situation nicht so dramatisch, wie vielleicht andere das tun. Die Maßnahmen der Zentralregierung am Ende des dritten Quartals zur Belebung des Marktes haben funktioniert, und wenn wir die Abverkäufe im November und Dezember 2015 ansehen, ist da wieder eine vernünftige Steigerungsrate. Wir gehen für dieses Jahr davon aus, dass der Light-Vehicle-Markt in China um rund sechs Prozent wachsen wird.

// Welche Ziele verfolgt der neue Chef von KSPG China?

Wir wollen natürlich profitabel wachsen. Mein für Finanzen und Controlling zuständiger Kollege Wen Jiang und ich haben uns für 2016 verschiedene Aufgaben gesetzt. Zum Beispiel haben wir im Gussbereich zwei weitere Gießereien übernommen. Eine in Shanghai in Form eines Asset Deals und eine in Yantai in Form eines Share Deals, das ist das Unternehmen Cosmopolitan. Das bedeutet eine erhebliche Aufgabe. Ziel ist es, in diesem Bereich dann mit Getrieben, Getriebegehäusen und Strukturbauteilen weiter zu wachsen.

// Und wie sieht es bei den anderen Aktivitäten aus?

Hier gilt es, das starke Wachstum bei Pierburg-Produkten umzusetzen und den Großkolbenstandort wie auch das Ersatzteilgeschäft weiter zu etablieren. 

// Jetzt zieht Ihre Zentrale in Shanghai um, von Pudong nach Hongqiao ...

Ja, Pudong war ursprünglich die Basis der Motorservice China. Sicherlich ist die Entscheidung für Pudong damals richtig gewesen, weil die Motorservice auch ihr Bonded Warehouse dort in der Nähe hat. Wir brauchen heute aber eine Zentrale, die möglichst nah an allen Firmen ist und deswegen haben wir uns entschieden, in die Nähe des Flughafens Hongqiao zu ziehen. Die Büroräume dort sind bezogen. Sie werden uns sicherlich auch für die nächsten fünf bis acht Jahre genügend Platz bieten.

// Die Stadtregierung Shanghai hat es ja superschnell hinbekommen, Scooter mit Verbrennungsmotor aus der Stadt zu verbannen. Können Sie sich vorstellen, dass etwas Ähnliches einmal mit anderen Fahrzeugen passiert?

Ich denke, das kann man aus ganz vielen unterschiedlichen Blickwinkeln sehen. Die Verbraucher in China können sich sicherlich weitaus einfacher mit einer Elektromobilität identifizieren, als wir das hier im Alten Europa können. Wir sind groß geworden mit Otto- oder Dieselmotoren, das sagt uns allen was. In China ist die Situation ja ein bisschen anders. Und dort ist eine Identifikation mit der Elektromobilität einfacher, weil man vielleicht auch einmal sagen kann, dass „wir in China“ das auch mit vorangetrieben haben. Es ist nicht eine Technologie, die wir von A oder B übernommen haben, sondern etwas Neues. Wenn ich aus einer Nation komme, die keine Affinität zu einem Antriebskonzept gewissermaßen „geerbt“ hat, stehe ich anderen Antriebsformen natürlich weitaus objektiver gegenüber. Deswegen glaube ich durchaus, dass der Elektromotor eine Zukunft in China hat.

// Spielt der Umweltschutz in diesem Gefüge überhaupt eine Rolle?

Die Zentralregierung muss etwas tun, und sie tut sehr viel und ich finde es beeindruckend, mit welcher Konsequenz es getan wird. Das gilt im Übrigen nicht nur für die Zentralregierung, sondern das geht runter bis zu den lokalen Regierungen. Es gibt Maßnahmen in China und Anreize für den Verbraucher, in die Elektromobilität zu gehen. 

// Und wie sieht der andere Blickwinkel aus?

Auf der anderen Seite hat auch in China der Elektromotor seine Zuverlässigkeit und seine Beständigkeit noch nicht bewiesen. Und vielleicht sogar noch weniger bewiesen, als es hier in Europa der Fall ist. China ist aktuell der schnellst wachsende Markt für Elektrofahrzeuge. Elektromobilität bedingt aber auch eine gewisse Infrastruktur bei den Ladestationen und die sehe ich noch nicht überall. Ich denke, da steht noch eine sehr große Hausaufgabe an. Aber unlösbar ist ja bekanntlich nichts. Solange man daran glaubt, dass man es lösen kann, wird man es lösen.  

Lothar Schneider (58) war von 2001 an für KSPG in Shanghai tätig und hat dort das Joint Venture KPSNC über mehr als zwölf Jahre erfolgreich geführt. 2013 kam er zurück nach Deutschland und übernahm den Bereich Castings in Neckarsulm. Zusätzlich zu seiner Verantwortung für die in ein Joint Venture überführte heutige KS HUAYU AluTech GmbH sowie die weiteren KSPG Gussaktivitäten wird er künftig das gesamte Chinageschäft des Automobilzulieferers steuern und koordinieren.