Auf der Suche nach der Zukunft

Sich wandelnde Märkte bringen neue Aufgaben mit sich

Ein grasgrünes Sofa mitten im Raum, bunte Zettel an einer großen Wand und ein offener Schrank, dessen Schubladen gefüllt sind mit Holzteilen aller Größen, Drähten, Fäden, Styropor, verschiedenen Stoffen und diversen Klebematerialien. „Abteilung Neue Produkte“ steht auf dem Schild vor der Tür.

Eine gänzlich andere Welt im Vergleich zur herkömmlichen Büroatmosphäre in der Division Hardparts. Die Abteilung geht neue Wege, dazu gehört auch eine neue Arbeitsumgebung, weg von dem Einheitsgrau und den Standardbüros, hin zu mehr Kreativität und Flexibilität. Die Einzelteile des Büros sind zerlegbar und stehen auf Rollen, auch die Schreibtische. Bei Bedarf werden sie auseinandergebaut und irgendwo im Raum neu zusammengesetzt, je nachdem, was gerade gebraucht wird: Flexibilität auf allen Ebenen ist gefragt, wenn neue Produktideen entstehen sollen. Fünf fest angestellte Mitarbeiter zählt die Abteilung, jeder davon betreut schwerpunktmäßig ein Aufgabengebiet, in dem er Experte ist, alle haben einen unterschiedlichen Background. „Ansätze und Ergebnisse können wir aus den unterschiedlichsten Blickrichtungen bewerten. Zusätzlich bringt jeder sein eigenes Netzwerk mit. Das hat uns vor allen Dingen in der Gründungsphase beim Schnellstart geholfen“, berichtet Abteilungsleiter Ingo Goutier. Da die Zahlen der Division Hardparts stimmen, stellt sich die Frage: warum die Suche nach neuen Produkten? „Wir sind heute zu etwa drei Vierteln vom Geschäft mit Komponenten für Verbrennungsmotoren abhängig. Dieser Markt ist zurzeit sehr in Bewegung, niemand weiß genau, wie sich das automobile Umfeld hinsichtlich herkömmlicher Motoren und eines Wandels hin zu alternativen Antrieben tatsächlich entwickeln wird“, erläutert Goutier. Im Zusammenhang mit dem zunehmenden Wettbewerbsdruck im Zuliefermarkt soll sich deshalb die Division für die Zukunft, im Speziellen für die Zeit nach dem Jahr 2025, wappnen und hat die Initiative „Neue Produkte, Invent 2025+“ ins Leben gerufen.

Abseits ausgetretener Pfade

Die Suche beschränkt sich jedoch nicht auf den Automotive-Markt. Der Fokus liegt darauf, den Bereich für die Zukunft fit zu machen – das heißt neue, tragfähige Produkte und Geschäftsmodelle zu identifizieren und in das bestehende Portfolio zu integrieren. Dies kann, muss aber nicht zwangsläufig innerhalb der Stammbranche sein. Dazu Goutier: „Naheliegender und im ersten Schritt auch etwas einfacher gestaltet sich die Suche in unserem näheren Umfeld. Hier haben wir das Thema Diversifikation im Auge, das heißt beispielsweise: Wenn wir bisher Kolben, also mechanische Bauteile, herstellen, sind wir auch in der Lage, Bauteile für Bremsen zu produzieren.“ 

Zu Anfang müssen die eigenen Fähigkeiten analysiert werden, um daraus die tatsächlichen Kernkompetenzen des Unternehmens abzuleiten. Nach der Diversifikation wagt sich die Abteilung in einem zweiten Suchschritt dann weiter hinaus, verlässt bewusst das automobile Umfeld und dringt gedanklich in fremde Felder vor, in denen verborgenes Potenzial liegen könnte. Grundsätzlich sieht die Produktsuche so aus, dass das Team passende Ideen auf Basis des ureigenen Charakters des Unternehmens sucht. Je mehr die eigenen Stärken und Kompetenzen zu einer Idee passen, umso stärker ist die Abgrenzung zu potenziellen Wettbewerbern und umso besser stehen die Chancen, damit erfolgreich zu sein.

Der Wandel ist die Konstante

Veränderungsprozesse gehören zu jedem Unternehmen. KS Kolbenschmidt begann 1910 als Hersteller ölbefeuerter Drehöfen und wurde über die Kolbenproduktion zu einem namhaften Automobilzulieferer, zu dem schließlich auch das Gießen von Zylinderkurbelgehäusen und die Herstellung von Gleitlagern gehörten. Goutier stellt klar: „Das Neue bei uns ist lediglich, dass ein Wandlungsprozess so strukturiert und in einem derartigen Umfang angestoßen wird.“ 

Im Tagesgeschäft greift die Mannschaft nicht nur auf bewährtes Repertoire, sondern auch auf andere Ressourcen zu: „Ask the crowd“ ist eine der Methoden, um unbekannte Gewässer zu ergründen, denn neue Produktideen können grundsätzlich von überall herkommen. Besuche von Fachmessen gehören deshalb ebenso zur täglichen Arbeit wie Gespräche mit Technologieexperten aller Couleur, Recherchearbeiten oder Workshops. Aber auch in den eigenen Reihen schlummert ein großes Potenzial, das es zu heben gilt. Das kreative Team hat bereits neue Konzepte erarbeitet, um alle Mitarbeiter, national und international, im Sinne eines internen Knowledge-Managements besser einzubinden. Goutier ist überzeugt: „Wir sind sicher, hierüber die eine oder andere Idee zu bekommen, die wir zu einem trag fähigen Geschäftsmodell ausbauen können.“ Gleichzeitig möchte er sicherstellen, dass sich die Mitarbeiter aktiv einbringen und sich mit neuen Ideen jetzt und vor allem auch zukünftig an die Abteilung Neue Produkte wenden. „Wir möchten die Initiative und den damit einhergehenden kulturellen Wandel fester in das Bewusstsein der Mitarbeiter bringen“, so Goutier.

Ganzheitliche Ansätze

Für die Ideenfindung spielt nicht zuletzt das professionelle Innovations- und Technologiemanagement eine wichtige Rolle. Es ist deshalb so wichtig für die Arbeit der Abteilung, weil damit zu jeder Zeit ein Überblick über das gesamte Unternehmensnetzwerk und dessen Fähigkeiten vorhanden ist. Dahinter wiederum steht die Überlegung, dass der jeweilige Werttreiber oftmals nicht das Produkt an sich ist – sei es ein Kolben, eine Lagerschale oder ein Kurbelgehäuse –, sondern vielmehr die Expertise zur Lösung eines spezifischen Kundenproblems. Diese Lösungskompetenz könnte vielleicht auch in anderen Einsatzbereichen benötigt werden. Goutier macht dies an einem Beispiel deutlich: „Zu aktuellen Thermomanagementlösungen gehört auch das Wissen, wie Wärme konstruktionstechnisch effizient abgeleitet werden kann. Hierzu gibt es jedoch auch wachsende Bedarfe in der Leistungselektronik – sogar im automotiven Umfeld. Aber auch direkt, über beherrschte Prozesstechnologien, kommt man auf andere Produkte: Dies gilt zum Beispiel für die Mehrschichtverbünde, wie wir sie im Bereich der Lagerproduktion anwenden – hier gäbe es als Einsatzbereich die Brennstoffzellentechnologie.“ So gehen Technologiemanagement und Produktinnovation Hand in Hand – im Push- und im Pull-Modus. Zum einen gilt es, anforderungsgerecht technologische Fähigkeiten für bestehende und neue Produkte zur Verfügung zu stellen. Umgekehrt können aus dem Technologiemanagement, beispielsweise über das Technologiemonitoring und -scouting, neue Impulse für Applikationsmöglichkeiten kommen